Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt eine Ausstellung mit Fotos des britischen Fotografen Martin Parr

„Martin Parr Retrospektive“ im NRW-Forum : Bei Laubenpiepern

Reiner Blankenheim schaut sich gerne Bilder an. Er mag Van Gogh. Oder Paul Klee. Der Name Martin Parr sagte dem 1. Vorsitzenden des Kleingartenvereins „Am Schwarzen Weg“ hingegen nichts. Bis im Frühjahr 2018 ein Kurator bei Blankenheim anrief.

Er sei gerade dabei, die Retrospektive eines englischen Fotografen vorzubereiten, sagte der Kurator. Und für die Ausstellung im NRW-Forum suche man noch hiesige Kleingärtner, die bereit seien, dem Lichtbildner Modell zu stehen. Ob man sich das vorstellen könne? „Vorstellen können wir uns viel“, entgegnete Blankenheim. „Man kann es auf jeden Fall versuchen.“ Blankenheim fragte also die anderen Kleingärtner in der Vennhausener Anlage, einige erklärten sich bereit, sich fotografieren zu lassen. „Juchu hat aber niemand geschrien“, so Blankenheim. Im Herbst 2018 war es dann so weit. Martin Parr kam nach Vennhausen. Zu den Laubenpiepern. Er musste zahlreiche Tassen Kaffee trinken. Viele Tomaten und Äpfel probieren. Und natürlich zog er nicht ohne Fotos wieder von dannen. 15 bis 20 Kleingärtner lichtete er in ihren Parzellen ab. Vor Dahlien. In Gewächshäusern. Auf der Bank vor dem Häuschen. Eine Auswahl der im Großraum Düsseldorf entstandenen Kleingärtner-Bilder ist nun ab dem 19. Juli im NRW-Forum zu sehen. Die Parr-Schau am Ehrenhof ist die bisher umfassendste Retrospektive des britischen Fotografen, der die Welt mit einem präzisen und liebevollen Blick abtastet und ihr gleichzeitig den Spiegel vorhält.

Martin Parrs Lieblingsmotiv ist der Mensch in seiner alltäglichen oder selbst gewählten Umgebung. Seine Aufnahmen wirken oft übertrieben, schrill, bunt, teilweise grotesk. In seinem Blick auf den Menschen liegt oft etwas Fassungsloses und Schonungsloses. Gepaart mit dem typisch englischen Humor lichtet er die Welt und die Menschen, die in ihr leben, in den schillerndsten Farben ab. Für seine Aufnahmen begibt sich Martin Parr, der seit 1994 der Agentur Magnum Photo angehört, an die Lieblingsorte der Menschen: den Strand, Sehenswürdigkeiten, Ausflugsziele. Er sucht Orte mit Extremen und ist ein Meister der Aufdeckung von Beziehungsgeflechten und gesellschaftlichen Strukturen. Mit dem Stilmittel der Übertreibung arbeitet er Klischees heraus und führt gerne die oft obszöne Selbstpräsentation oder das Konsumverhalten von Menschen vor Augen.

Zu Beginn seiner Laufbahn in den 1970er-Jahren dokumentierte er die nähere Umgebung seiner Heimat in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Anfang der 1980er-Jahre verwendete er zunehmend Farbe, änderte seinen Stil und wechselte von einer 35mm-Kleinbildkamera zu der Plaubel 6x7-Mittelformatkamera. Sein 1982 begonnenes und 1986 erstmals veröffentlichtes Projekt „The Last Resort“, mit dem er das britische Strandleben in New Brighton dokumentierte, gilt heute als Meilenstein der Fotografie und machte ihn international bekannt. Die berührenden wie oft verstörenden Aufnahmen zeigen den Alltag des britischen Seebads auf eine völlig neue Art und Weise. Sie hinterfragen den Begriff der Schönheit und untersuchen das Schöne im Hässlichen und das Hässliche im Schönen, stilistisch unterstützt durch das für Martin Parr typische Blitzlicht bei Tageslicht. „Wenn die Leute beim Betrachten meiner Bilder gleichzeitig weinen und lachen, dann ist das genau die Reaktion, die die Bilder auch bei mir hervorrufen. Die Dinge sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Ich bin immer daran interessiert, beide Extreme darzustellen“, sagt Martin Parr.

Rund 400 seiner Werke werden nun bis November in Düsseldorf zu sehen sein. Neben Arbeiten aus berühmten Serien wie „The last Resort“, „Think of England“, „Luxury“, „Life’s a Beach“ und „Common Sense“ umfasst die Ausstellung in Düsseldorf erstmals auch frühe Fotografien seiner Debüt-Serie „Bad Weather“. Eigens für die Ausstellung im NRW-Forum entstand zudem die bereits erwähnte Serie „Kleingärtner“. Reiner Blankenberg könnte dabei sein. Ob er es ins Museum geschafft hat, wird er allerdings erst bei der Vernissage erfahren.

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