Er taucht im roten Overall und in Sandalen zwischen den bunten Fahrzeugen auf, Treffen zum Gespräch mit dem Düsseldorfer Anzeiger. Es ist ja nicht so, dass die Arbeit von Düsseldorfs „Zoch“-Gestalter noch nie für scheppernde Schlagzeilen gesorgt hätte. Im Gegenteil, rund um den höchsten Feiertag des rheinischen Karnevals sorgen vor allem die „Mottowagen“ des Künstlers, deren „Mache“ jetzt auf die arbeitsreiche Zielgerade einbiegt, wahlweise für Begeisterung oder Empörung. Jedoch - diesmal sieht Tilly eine „neue Eskalationsstufe“ erreicht. Darüber und vieles mehr spricht er im Interview.
Jacques Tilly, eine richtig kurze Session steuert bereits ihrem Höhepunkt zu. Am 16. Februar ist Rosenmontag. Ist da bei Ihnen und Ihrem Team in puncto „Mottowagen“-Produktion mehr Druck auf dem Kessel?
Man weiß ja schon seit einigen 100 Jahren, wann 2026 Ostern ist - Stichwort Papst Gregor XIII. und seine Kalenderreform. Demzufolge habe ich mit den Ideen zu den Mottowagen früher angefangen. Früher ist relativ, weil diese Wagen in der Regel ja von einer gewissen Aktualität geprägt sind - also wurden schon Mitte Dezember die ersten Entwürfe verabschiedet. Normalerweise geschieht das um Neujahr herum. So haben wir bereits Entwürfe verbaut, die langfristige gesellschaftliche Themen ansprechen, etwa die KI, und sparen uns die aktuellen Wagen auf. Und da sind die Letzten noch nicht entschieden...
Im Laufe der vergangenen Jahre ist das Interesse gerade am Düsseldorfer Rosenmontagszug vor allem auch international enorm gestiegen. Setzt man sich da in gewisser Weise auch einer herausfordernden Erwartungshaltung aus?
Nun, die Entwürfe mache alle ich, trage damit auch die alleinige Verantwortung. Sicher, mein Team sucht mit aus, das CC entscheidet letztlich, was zu verantworten ist. Aber ja, früher gab es meinen Namen gar nicht so in der Öffentlichkeit. Ich konnte auch mal einen ‚Langweiler‘ fahren lassen, ohne dass es jemanden groß juckte. Heute muss ich also viel genauer schauen, was ich entwerfe. Heute hört man schneller schon mal das Urteil - jetzt ist er auch nicht mehr so gut, wie er mal war. Aber es gibt auch objektiv mehr Druck...
Weil...?
Wir haben seit den Jahren 2015/ 16 diese rechtspopulistische, rechtsextreme Welle, die die Länder faktisch weltweit infiziert. Alle drei Großmächte haben sich von der liberalen Demokratie verabschiedet, oder hatten sie noch nie. Ob man neben den USA und China Russland dazu zählen möchte, ist wohl eher Geschmacksfrage. Auch unser Fokus liegt verstärkt auf Außenpolitik und dem Angriff auf unsere liberalen Freiheiten. Es gibt innenpolitische Themen ja, aber etwa großes Kanzler-Bashing früherer Rosenmontagszüge ist nicht mehr die Regel. Die große Mehrheit in Deutschland findet Putin und Trump einfach furchtbar - zu Recht! Und zu diesem Fakt, dass sich die weltpolitische Großwetterlage verdüstert hat, wozu nach meinem Dafürhalten ‚social media‘ mit seinem rechten Resonanzraum zu 100 Prozent beigetragen hat, muss ich Bilder finden.
Rosenmontag 2026 steht stark im Zeichen eines Strafverfahrens, das gegen Tilly vor einem Gericht in Moskau erfolgen soll. Vorwurf der Justiz dort: Falschinformationen über die russische Armee und Verunglimpfung russischer Staatsorgane. Tilly erzählt, dass aktuell deswegen noch ein Besuch von CNN und einem französischen Sender ansteht. Die Aufmerksamkeit ist riesig, der NRW-Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Nathanael Liminski, hat ihm persönlich Unterstützung versichert, Solidaritätsbekunden erreichten ihn aus vielen gesellschaftlichen Bereichen, „Solidarität, für die ich dankbar bin und die notwendig ist.“ Der Prozess wurde wiederholt verschoben, jetzt auf den 26. Februar.
Sie sind im Rahmen Ihrer Arbeit an Anfeindungen, auch schlimmerer Natur, gewöhnt. Wie bewerten Sie dieses Vorgehen der russischen Justiz?
„Das ist eine neue Eskalationsstufe, eine neue Dimension, wenn ein Unrechtsstaat wie Russland, um das mal vorsichtig auszudrücken, eine Autokratie, in der es nur eine Meinung gibt, nämlich die von Putin, ein solcher Staat mit seinen Machtmöglichkeiten, sich einen Satiriker aussucht und ihm mit 10, 15 Jahren Straflager droht. Der Zweck dieses Verfahrens ist natürlich, einzuschüchtern. Nicht nur mich, sondern alle, die Putin kritisieren. Aber Satire ist spöttische, humorvolle Kritik. Das ist die heilige Aufgabe der Narrenfreiheit, den Herrschenden - auch den demokratisch legitimierten - den Spiegel vorzuhalten. Aber ja, natürlich hat die Sache eine wirklich bedrohliche Seite, denn ich bin schon Realist und kann einordnen, was da passiert und verharmlose es nicht. Es ist ein ganz krasser Angriff auf unserer aller Freiheit.
Spielt Angst eine Rolle?
Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Satire ist das genaue Gegenteil von Angst, man lacht über die Herrscher. Und Menschen wie Putin, alle Menschenrechtsfeinde und Autokraten, beherrschen mittels Angst. Und Satire nimmt den Menschen die Angst, und darum hassen die Gewaltherrscher die Satire, weil sie ohne Angst ihre Machtbasis verlieren.
Welche Konsequenz hätte ein Urteilsspruch gegen Sie?
Solange ich in der EU bleibe, wäre alles gut. Ich dürfte eben nicht in Ländern sein oder auch nur zwischenlanden, die - vielleicht auch im Geheimen - ein Auslieferungsabkommen mit Russland haben. Und das ist eine persönliche Einschränkung, mit der ich leben müsste.
Wehren Sie sich mit juristischen Mitteln?
Ohne Witz, ich bin, abgesehen von Russen oder Exilrussen, der einzige Deutsche und überhaupt der einzige Ausländer weltweit, der unter diesen Anklagepunkten steht. Ich bin bis heute noch nicht mal über mein Verfahren informiert worden, habe keinen Brief erhalten - also rechtsstaatlich ohnehin eine Farce. Ob ich diesen Prozess irgendwie legitimiere, wenn ich einen eigenen Anwalt einschalte, weiß ich auch noch nicht. Ich überlege noch, aber mein Instinkt sagt mir, warum soll ich mich da bemühen, ich werde sowieso verknackt.
Auf was dürfen sich Wladimir Putin und seine Brüder im Geiste Rosenmontag freuen?
Dass wir unsere Arbeit fortführen.