Stadtentwicklung im Wandel: Warum flexible Wohnformen immer wichtiger werden

Zuhause ist heute ein dehnbarer Begriff. Das ist unterschiedlichen Umständen geschuldet: Einerseits fühlen sich vor allem junge Menschen weniger an einen bestimmten Ort gebunden, andererseits nimmt die generelle Mobilität über Stadt- und Landesgrenzen hinaus zu. Zudem wird Wohnen heute mehr als flexibler Lebensraum und weniger als dauerhafter Lebensmittelpunkt verstanden. Für einige Menschen mag das schlicht eine freiwillige Lifestyle-Entscheidung sein, bei anderen ist es hingegen eine arbeitsbedingte Notwendigkeit – beides führt zu strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen.

Warum Stadtentwicklung neu gedacht werden muss

Seit Jahren schon nimmt der Zuwachs in den Metropolen und Großstädten zu, vielerorts steht dem eine Landflucht gegenüber. Zahlen liefert das Statistische Bundesamt: Gegenüber dem Jahr 2012 leben heute rund 6 % mehr Menschen in Großstadtregionen – was einem nominellen Anstieg von rund 3,3 Millionen Personen entspricht. Das Phänomen ist für Deutschland nicht einzigartig: In ganz Europa stagniert zwar die Gesamtbevölkerung, die in urbanen Regionen lebende Bevölkerung nimmt hingegen zu.

Auch weil in den Großstädten die Jobs zu finden sind. Arbeitskräfte werden im Gleichschritt flexibler: Wenn sie in ihrer Heimat kein Wohneigentum haben, ziehen sie für einen vielversprechenden Job um. Dazu kommen Arbeitskräfte aus dem Ausland, die entweder befristet für einzelne Projektphasen oder sogar dauerhaft in ein neues Land ziehen. Wer sich eine Großstadtwohnung nicht leisten kann oder will, hat immer noch das Umland. Kommt das auch nicht in Frage, bleibt oftmals nur das Pendeln.

Gesellschaftliche Umbrüche zeigt der Wohnungsmarkt auch im Hinblick auf die Haushaltsgröße. Kleine Haushalte nahmen zuletzt deutlich zu, Prognosen nach wird sich daran in Zukunft nichts ändern. Experten und Makler rechnen damit, dass bis zum Jahr 2045 etwa 44 % aller Haushalte Single-Haushalte sein werden.

All das bringt eine Verschärfung des Wohnraummangels in Ballungszentren mit sich. Die Politik setzt sich zwar Jahr für Jahr ehrgeizige Ziele zum Wohnungsbau, verfehlt diese aber regelmäßig. 320.000 Wohnungen sollen bis 2030 jährlich geschaffen werden. Genehmigungen gab es zuletzt nur für rund 216.000. Tatsächlich gebaut wurde noch weniger.

Überraschend sind Spannungen daher nicht, ebenso ist Wohnen heute nicht mehr die stabile Konstante wie in früheren Jahrzehnten. Trotzdem muss beides erfüllt werden: die Nachfrage nach dauerhaften Wohnlösungen, aber auch solche, die agil sind und nur einen kurzfristigen Bedarf decken.

Treiber des Wandels: Was macht Wohnen flexibler?

Die Arbeitswelt ist im Umbruch: Zeitlich befristete Einsätze, phasenweise Projektarbeit und Remote-Arbeit sorgen für Veränderungen. Zugleich wird häufiger gependelt und Standortwechsel werden zur Normalität.

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen. Eigentum wird heute später als vor der Jahrtausendwende erworben, denn für jüngere Generationen sind Kaufpreise in Relation zum Nettogehalt schlicht nicht stemmbar. Parallel dazu binden sich junge Menschen weniger stark an einen Ort, der temporäre Wohnbedarf steigt indes an.

Vor allem in Ballungszentren steigen die Mieten massiv an. Kosten- und Flächeneffizienz rücken in den Fokus, auch geteilte Wohnformen sind kein Tabu. Die Nachfrage nach kurzfristig verfügbarem Wohnraum steigt an, aufgrund von Ferienwohnungen, aber auch bei möblierten Wohnungen, Serviced Apartments oder in der Kurzzeitvermietung.

Flexible Wohnformen im Überblick

Flexibel kann zunächst viel bedeuten. Aber Flexibilität ist nicht gleich Flexibilität, denn die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wohnformen sind nicht unerheblich.

Zeitlich befristete Wohnkonzepte: Hier wird wörtlich auf Zeit gewohnt. Mit Mietverträgen mit kurzer Laufzeit, zum Beispiel nur mit einer Mietdauer von wenigen Monaten.

Möblierte Wohnungen: Sie sind eine gute Wahl für alle, die nicht mit ihrem gesamten Hausstand umziehen möchten, aber vor Ort trotzdem komfortabel wohnen möchten.

Serviced Living & Boarding-Konzepte: Die Wohnformen zeichnen sich durch voll möblierte Apartments und inklusive Dienstleistungen aus. Dazu zählen in der Regel die Verfügbarkeit von Concierge-Diensten, ein umfassendes Facility Management und flexible Mietdauern – ideal für Projektmitarbeiter und Geschäftsreisende.

Gemeinschaftsorientierte Modelle: Co-Living-Modelle sind gewissermaßen eine Weiterentwicklung der klassischen Studenten-WG, angepasst an Erwerbstätige. Gemeinschaftliche Räume wie Küche und Co. werden geteilt und jeder hat sein eigenes Zimmer. Zudem gibt es noch großangelegte Wohnprojekte, wo sich mehrere Haushalte einzelne Gemeinschaftsräume teilen.

Zweckorientierte Unterkünfte für temporäre Nutzergruppen: Für Projektarbeiter, Berufspendler, Monteure und Co. sind diese meist die klassische Wahl. Dazu zählen unternehmenseigene Mitarbeiterwohnungen und spezielle Monteurzimmer in Düsseldorf und der Region. Hier ist von Anfang an klar, dass die Wohnung nur kurzzeitig genutzt wird, danach zieht direkt der nächste Pendler oder Projektleiter da ein.

Auswirkungen auf Städte und Quartiere

Die Situation ist herausfordernd, aber Chancen sind vorhanden. Von allein wird sich aber nichts bessern: Damit aus theoretischen Chancen praktische Realität wird, müssen die Wirtschaft und Politik ganzheitlich und Hand in Hand zusammenarbeiten.

Zu den Chancen zählen die Entlastung des Wohnungsmarktes durch flexible Kapazitäten und eine verbesserte Nutzung vorhandener Flächen, indem nicht mehr benötigte Büros umfunktioniert werden. Temporäre Bewohner sorgen für zusätzliche Dynamik, beleben Stadtteile nachhaltig und kurbeln das regionale Gewerbe an.

Damit das klappt, müssen solche Herausforderungen gemeistert werden: Temporäre Bewohner müssen gesellschaftlich vollwertig integriert werden und eine soziale Durchmischung bringt immer Konfliktpotenzial mit sich. Anwohner könnten diese Entwicklungen kritisch sehen und Eigentümer Wertverluste fürchten. Quartiere dürfen zudem nicht nur funktional sein, sondern müssen tatsächliche Lebensqualität bieten.

Stadtplanung und Politik: Wie Kommunen reagieren

Kommunen und die Politik haben eine Reihe von Instrumenten zur Auswahl: Bebauungspläne können angepasst und stärker auf modulare Bauformen sowie Zwischennutzungen ausgelegt werden. Außerdem können Nutzungskategorien gelockert werden. Vor allem leerstehende Gebäude und Büros lassen sich so für neue Nutzungskonzepte öffnen. Pilot- und Modellprojekte, mit denen neue Wohnformen und Bauweisen auf den Prüfstand gestellt werden, gibt es ebenso.

Dabei liegt es an der Politik, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, denn im Regelfall sind es regulatorische Vorgaben und überbordende Bürokratie, die als große Bremsen agieren. Öffentliche Wohnungsbaugesellschaften, die nicht strikt privatwirtschaftlichen Renditevorgaben folgen müssen, können als Vorreiter auftreten. Bei allen Vorhaben sind aber auch Anwohner einzubeziehen, zudem muss ein transparentes Regelwerk existieren.

Wohnen als dynamisches System

Wohnen wird künftig noch phasenabhängiger werden, was die traditionell niedrigen Eigentumsquoten in Deutschland zusätzlich befeuern. Städte können so zum flexiblen Lebensraum werden, charakterisiert durch ein ausreichend hohes Angebot an hybriden Konzepten. All das wird sich auf die Identität der Städte auswirken, aber nicht zwangsläufig in negativer Form: Es gilt schlichtweg auf die Herausforderungen unserer Zeit adäquat und weitsichtig zu reagieren.

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