95-Jährige aus Düsseldorf ist gegen den FC Bayern im Stadion dabei

95-Jährige ist gegen Bayern im Stadion : Frau Euler sieht rot-weiß

Gisela Euler hat keinen guten Tag erwischt. Der Magen macht ihr zu schaffen. „Mir ist, wie sagt man so schön, richtig zum Kotzen.“ Die 95-Jährige sitzt in ihrem Zimmer im Edmund-Hilvert-Haus, vor ihr auf dem Tisch liegt ein jungfräuliches Kreuzworträtsel, daneben ihre Brille.

Auf dem Tisch stehen Kekse. Und Gummibärchen, viele Gummibärchen. An der Wand, zwischen Setzkasten und einem maritimen Gemälde, das Eulers Tochter gemalt hat, prangt ein Poster des aktuellen Fortuna-Kaders. Kapitän Oliver Fink. Torwart Zack Steffen. Trainer Friedhelm Funkel. Das ganze Team einträchtig beieinander. Unter dem Fernseher liegt zusammengerollt eine rot-weiße Fortuna-Fahne. Aufschrift: Aus Tradition. Aus Liebe. Aus Düsseldorf.

Am Vortag hat Fortuna den 1. FC Köln mit 2:0 niedergerungen. Die frohe Kunde hat Frau Euler bereits erreicht. Morgens kommt immer eine Dame vom Sozialen Dienst, die den Bewohnern des Heims aus der Zeitung vorliest. Dass Frau Euler sich für die Rot-Weißen interessiert, ist im Edmund-Hilvert-Haus bekannt. Über den aktuellen Tabellenstand wird sie daher nach Spielen ihrer Mannschaft stets informiert. Der Derbysieg gegen Köln hat Euler natürlich gefreut – trotz der Magenprobleme.

Die 95-Jährige verfolgt den Weg der launischen Diva bereits seit vielen Jahrzehnten. Als Fortuna die bis heute einzige deutsche Meisterschaft errang, 1933, war Euler neun Jahre alt. Damals lebte sie noch in Berlin – und spielte selber Fußball, „gegen die Bauern-Kinder, das war schön“. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als alles in Trümmern lag, kam Euler aus Berlin nach Düsseldorf. Sie arbeitete für Hein-Lehmann auf der Fichtenstraße. Als Bürokraft, ihr ganzes Berufsleben lang. In ihrer Freizeit ging sie gerne ins Stadion. Erst zum Flinger Broich, später dann ins Rheinstadion und noch später in die Arena. Sie mag den Zusammenhalt der Fans, die Anfeuerungsrufe, überhaupt die ganze Atmosphäre. „Ein bisschen Radau“, sagt sie und guckt verschmitzt, „das gefällt mir“.

Auch zu Auswärtsspielen brach Euler früher regelmäßig aus Düsseldorf auf. Sie erinnert sich an ein Match, das sie besuchen wollte. Gegen welches Team ist ihr entfallen. Jedenfalls litt sie zu dem Zeitpunkt an einer Blutvergiftung. Man riet ihr, sich in die Klinik zu begeben. Aber Gisela Euler wollte nicht. „Ich kann doch nicht ins Krankenhaus, wenn Fortuna spielt“, sagt sie. Sie hielt also das Spiel über durch. Nach dem Schlusspfiff ging sie ins Krankenhaus – und wurde kurz darauf operiert.

Welche Spiele sie im Stadion gesehen hat? Euler kramt in ihrer Erinnerung, wird aber nicht wirklich fündig. „Jetzt fehlen mir die Worte“, sagt sie und guckt bedröppelt. Die Worte, so Euler, verschwinden einfach. Am Tag nach dem Sieg gegen den 1. FC Köln passiert ihr das häufiger. Auch aus dem aktuellen Kader, der als Poster bei ihr an der Wand hängt, kann sie keinen Namen nennen. Aber wenn man sie mit alten Fortuna-Legenden konfrontiert, kommt die Erinnerung zurück. An den legendären Schlussmann Wolfgang Kleff zum Beispiel, ein Faxenmacher, der von 1982 bis 1984 bei Fortuna spielte und gerne mit dem Komiker Otto Waalkes verglichen wurde.

Vor einigen Wochen hat Gisela Euler ihren 95. Geburtstag gefeiert. In der Caféteria des Edmund-Hilvert-Hauses. Mit Freunden und Verwandten. Es gab Kaffee und Kuchen. Und es wurde über Eulers großen Wunsch gesprochen. Einmal möchte sie gerne noch ins Stadion, um ihre Fortuna live zu sehen. Auf verschlungenen Pfaden gelangte dieser Wunsch an unsere Redaktion, die daraufhin beschloss, Frau Euler ein verspätetes Geburtstagsgeschenk und ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk zu machen: zwei Karten für das Heimspiel gegen den FC Bayern München am 23. November. Dem fiebert die 95-Jährige nun entgegen. Wenn sie daran denkt, sind die Magenschmerzen kurz vergessen. Und den Optimismus hat Frau Euler auch in reifem Alter keinesfalls verloren. Ihr Tipp gegen den amtierenden Deutschen Meister lautet 1:0. Natürlich für die Fortuna.