Fortunas Stadionstimme André Scheidt über seinen EM-Einsatz und gelebte Träume „Da musste ich dabei sein“

Er ist die Stimme von Fortuna Düsseldorf - die Stadionstimme. André Scheidt (46) kam über die Tätigkeit als Radiojournalist in seiner Geburtsstadt Neuss zu ersten Moderations-Einsätzen auf einem Kreuzfahrtschiff. 2006 moderierte er das Public Viewing der Fußball-WM im Flinger Broich, im selben Jahr stieg er mit dem damaligen Kollegen Ilja Ludenberg (bis 2015) am Stadion-Mikro ein. Scheidt ist freischaffender Moderator, begleitet neben diversen Sportveranstaltungen auch Messen und Gesellschafts-Events. Der zweifache Familienvater lebt seit acht Jahren in Erkrath-Hochdahl. Dort traf ihn Stefan Pucks zum Interview.

  Stadionsprecher, Fußball-Fan und Moderator André Scheidt mit Motorroller vor der Geschäftstelle seines Vereins. Zum diesem Zeitpunkt ist der Klub noch auf Bundesliga-Kurs, doch der Ausgang der Relegation hat ihm - bei aller Enttäuschung - sicher nur vorübergehend die Sprache verschlagen. Jetzt kommt die EM!

Stadionsprecher, Fußball-Fan und Moderator André Scheidt mit Motorroller vor der Geschäftstelle seines Vereins. Zum diesem Zeitpunkt ist der Klub noch auf Bundesliga-Kurs, doch der Ausgang der Relegation hat ihm - bei aller Enttäuschung - sicher nur vorübergehend die Sprache verschlagen. Jetzt kommt die EM!

Foto: Stefan Pucks

Wie darf man sich den kleinen André Scheidt als Kind vorstellen? Mit einem Holzlöffel als Mikroersatz vor der Sportschau sitzend und live kommentierend?

Da ist wirklich was dran. Meine Mutter erzählt, dass ich als Kind den Playmobil-Zirkus auseinander gebaut, daraus eine Rennstrecke gemacht und die Rennen live kommentiert habe. Das ist in meinen Wurzeln offenbar drin. Ich war immer auch Klassensprecher - auch Klassenclown.

 Seit 2006 für die Fortuna am Stadionmikro. André Scheidt mit Gesprächspartner in der Arena.

Seit 2006 für die Fortuna am Stadionmikro. André Scheidt mit Gesprächspartner in der Arena.

Foto: F95/Christof Wolff

Agiert man mit der eigenen Stimme anders, wenn man in ein Stadion-Mikro hineinspricht?

Meine Mikro-Stimme ist mit Sicherheit eine andere als meine Sprechstimme - weil ich da versuche, weniger aus dem Kehlkopf zu reden. Den größten Fehler, den man machen kann, ist einfach in das Ding reinzuschreien, vor allem im Stadion, wenn alles rund um dich herum laut ist. Du musst mit der Stimme unten bleiben, alles andere macht die Technik.

Du bist auch Fan der Fortuna - durch und durch. Wie verträgt sich das mit der Arbeit des Stadionsprechers?

Da muss man reinwachsen. Grundsätzlich dem Gegner, den Zuschauern und dem Schiedsrichter gegenüber Respekt zeigen. Musste ich auch lernen. Ich habe anfangs nach einer hitzigen Szene mal gegen eine Werbebande getreten, wie es halt jeder Trainer mal macht, wenn er sich ärgert. Da klingelte sofort man Handy...

Wer war denn dran?

Weiß nicht mehr genau, einer vom Vorstand oder der Pressesprecher!? Aber ich kann es inzwischen ziemlich gut trennen und man darf ja auch ein Stück weit parteiisch sein. Ich bin der Stadionsprecher der Fans, der Kurve. Jeder muss seinen Stil finden, obschon es für mich ein paar Tabus gibt. - etwa während des Spiels reinzuschreien. Es gibt Kollegen, die feiern einen gehaltenen Ball des eigenen Torwarts - kann man im Handball vielleicht machen, im Fußball eher nicht. Ich will da unten auch nicht der Animateur sein, sondern moderieren und natürlich auch - wenn es angebracht ist - begeistern oder Begeisterung aufnehmen. Dazu gehört bei Fortuna aber eben ausdrücklich nicht das viel diskutierte ‚Danke - Bitte‘ zwischen Stadionsprecher und Zuschauern...“

Gibt es eigentlich Kontakt zu Kollegen?

In der Tat haben wir eine Whatsapp-Gruppe der Stadionsprecher der ersten drei Ligen...

Sind alle dabei?

Nein, nicht alle, etwa die von Bayern München und Borussia Dortmund nicht. Weiß aber auch nicht, warum! Man kann gut netzwerken. Mittlerweile ist es so, dass wir regelmäßig den Austausch pflegen.

Im Juni und Juli hast Du diesmal keine Sommerpause, Du bist Stadionsprecher an den EM-Spielorten Düsseldorf und Köln...

Für mich war klar, als Deutschland und Düsseldorf sich für die EM beworben haben - sollte da der Zuschlag kommen, will und muss ich dabei sein. Ich bin ‚Allesfahrer‘ bei der Nationalelf, seit 2006 bei allen großen Turnieren vor Ort gewesen, bei sehr vielen Länderspielen dabei, zuletzt etwa bei der USA-Reise der DFB-Elf im vergangenen Oktober. Da ist so ein Turnier das Größte, was Du erleben kannst.

Wie kommt man an den Job?

Ich bin proaktiv geworden, habe sofort, nachdem die Entscheidung für Deutschland und Düsseldorf feststand, in jede Tür, die sich ansatzweise öffnete, schon einen Fuß reingestellt, versucht mich auf allen Ebenen ins Gespräch zu bringen. Ich moderiere seit über zehn Jahren den Uefa Champions Club in Dortmund. Das ist der eigene VIP-Bereich des Verbandes, da hatte ich schon mal Ansprechpartner. In Düsseldorf habe ich schnell einen Draht zu Thomas Neuhäuser, den EM-Projektleiter der Stadt, bekommen, dann sämtliche Düsseldorfer Vorfeld-Veranstaltungen zum Turnier als Moderator begleitet.

In deren Rahmen man weitere Entscheider trifft...?!

Richtig, ich lernte Kollegen aus der EURO 24 GmbH kennen, dem Bindeglied zwischen DFB und Uefa. Die sagten: ’Du moderierst ja hier ohnehin schon alles. Wer, wenn nicht Du!‘ Da war ich gefühlt schon drin. Dauerte dann aber noch ein paar Interviews, natürlich auch auf Englisch, da ich bei der EM 70 Prozent der Ansagen in englischer Sprache machen werde. Dann haben sie mich aber noch zappeln lassen - erst hieß es, bis November bekäme ich Bescheid. Schließlich kam Ende Februar das OK.

Und Köln?

Es gab später noch einen Anruf, ob ich mir vorstellen könne, auch dort die Arenamoderation zu machen. Es wäre eine Option, da das Produktionsteam in Düsseldorf und der Domstadt das gleiche wäre. Fakt ist: Bei der EM gibt es neun Stadionsprecher - ich bin der Einzige, der in zweien zum Einsatz kommt, habe zehn Spiele. Ich empfinde das als Auszeichnung, das ist definitiv mein Karriere-Highlight - und es wird auch höchstwahrscheinlich keine weitere Chance geben.

Die Regularien der Uefa sind berüchtigt...

Nun, ich habe keine Kamera, bin nur die Off-Stimme. Jede Durchsage ist sekundengenau gescriptet. Alles wird abgelesen. Das ist definitiv strenger als in der Liga...

Ergänze den Satz „Deutschland wird Europameister weil...“

...Julian Nagelsmann es schaffen wird, aus vielen individuell starken Spielern wieder eine Einheit zu formen - und diesen Zusammenhalt im Heimturnier auch mit den Fans hinbekommt.

Wie sieht es mit einem persönlichen Titel aus? Die 30-jährige Karriere von Stadionsprecher-Legende Dieter Bierbaum - ist das ein Ziel?

Er hat Fortuna gelebt, war „The Voice“, natürlich eine Kultfigur. ich mache Fortuna, die DEG, Basketball, Hockey. Ich kann die Karte „Stimme des Düsseldorfer Sports“ spielen. Mein Ziel wären jetzt nicht diese 30 Jahre. Ich würde es einfach gerne noch länger machen. Es ist ein gelebter Traum, ich bin Stadionsprecher meines Vereins, das ist ein unglaubliches Privileg.

André Scheidt, danke!

Bitte!

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