Toten Hosen im Kino: Konzertfilm "Weil Du nur einmal lebst"

Die Toten Hosen im Kino : Neuer Konzertfilm "Weil Du nur einmal lebst"

Die Toten Hosen gelten als die erfolgreichste deutsche Band dieser Zeit. Mit dem Konzertfilm "Weil Du nur einmal lebst — Die Toten Hosen auf Tour", der im Rahmen der Berlinale 2019 seine Weltpremiere erlebte, nähert sich Regisseurin Cordula Kablitz-Post dem musikalischen Phänomen aus Düsseldorf.

Nein, ein Film für die Toten Hosen-Fans allein ist es bei weitem nicht geworden, den Regisseurin Cordula Kablitz-Post unter dem Titel "Weil Du nur einmal lebst — Die Toten Hosen auf Tour" nun auf der Berline vorstellte und für die Kinos ablieferte. Gemeinsam mit Konzert-Regisseur Paul Dugdale realisierte sie vielmehr einen Film für jeden, der sich insbesondere für die Menschen hinter dem mittlerweile gigantischen Band-Apparat interessiert. Menschen, die ihr Leben der Musik widmeten um später eine der erfolgreichsten deutschen Bands zu werden: Die Toten Hosen.

Und dabei sah es zu Beginn der Band gar nicht danach aus. Frege ist gerade mal 15 Jahre alt, als er erstmalig den Ratinger Hof, eine Künstlerkneipe in der Düsseldorfer Altstadt, besucht. Während sich dort ein illustres Publikum unter anderem mit der auch in Deutschland aufkeimenden Punk-Bewegung beschäftigt, zeigt sich Frege begeistert von der dort herrschenden Dynamik: "Es gab ein paar Monate voller unglaublicher Stimmung, Offenheit und Kreativität. Momente purer Euphorie und einen irren Aufbruchsgeist, basierend auf dem Lebensgefühl, mit anderen etwas zu teilen”, erzählt er in einem anderen Interview. Frege gründet 1978 zunächst die Band 'ZK', die schließlich als Vorläuferband der 1982 gegründeten Gruppe Die Toten Hosen gilt.

Parallel zu der musikalischen Entwicklung von ZK zerfällt die Düsseldorfer Punk-Szene zunehmend in unterschiedliche Flügel mit unterschiedlich ausgeprägten Ausrichtungen. "Ich habe nach der Auflösung von ZK die Tourneen vermisst”, erklärt Frege. "Bereits nach ein paar Wochen rief ich Kuddel und Trini an, um zu erfragen, ob wir nicht noch mal etwas aufziehen wollten, aber eben etwas ganz anderes: Wir würden nur Freunde in die Band holen und zwar möglichst viele, um den maximalen Spaß zu garantieren.”

Das Bad in der Menge: Andi und sein Bass. Foto: avanti media fiction

Dieser Umstand wird auch im Film von Kablitz—Post, der unter anderem durch die Film- und Medienstiftung NRW mit 150.000 Euro gefördert wurde, deutlich: Dass die fünf Musiker bis heute miteinander befreundet sind, war für den Weg, der hinter der Band liegt, keinesfalls von Nachteil. Und auch nicht für den Weg, den die Band noch vor sich hat. Denn auch diese Perspektive liefert der Film in Interviewsequenzen mit den fünf Musikern zwischen den Zeilen: Ihnen ist klar, wie fragil ein Bandgefüge, wie sie es seit Jahren hegen, sein kann. Und wie endlich zudem. Und so liefert der Film neben großartigen Live-Momenten in den gigantischen Stadien und in den kleinen argentinischen Clubs eben auch die menschlichen Momente hinter den Bühnen, mitunter reichend bis in den deutlich privaten Bereich der Musiker.

Regisseurin und Produzentin Kablitz-Post begleitete die Band 2018 mit einem rund 20-köpfigen Team sieben Monate lang. 23 Drehtage, insgesamt elf Konzerte, darunter auch die argentinischen, und rund 190 Stunden Filmmaterial, die von Cutterin Mechthild Barth einfühlsam auf Spielfilmlänge montiert und im neuartigen Dolby-Atmos-Verfahren gemischt wurden, sind so das Ergebnis einer langen Dokumentation, die die Zuschauer nicht nur an Konzertsituationen teilhaben lässt. Denn während Konzert-Regisseur Dugdale die musikalischen Sequenzen einfängt — das kultische Tanzen um Bengalos und das Fahnenschwenken etwa, das Tanzen und Pogen im Publikum — begleitete Kablitz-Post die Band auch in den Backstagebereich. Und weit darüber hinaus.

Campino und Kuddel beim Zusammenstellen der Setlist. Foto: avanti media fiction

So erleben die Zuschauer auch das politische Engagement der Band, etwa in der #wirsindmehr-Bewegung in Chemnitz, den unerlaubten, später hohe Wellen schlagenden Nachtbesuch eines Dresdner Freibads, aber auch die Absage des Konzerts an der Berliner Waldbühne aufgrund des von Frege erlittenen Hörsturzes.

Die Bestürzung der Band wird im Film deutlich spürbar, wenn sich die Musiker morgens nahezu sprachlos am Frühstückstisch gegenüber sitzen, um ein weiteres Vorgehen zu besprechen. Und sie wird deutlich, wenn Gitarrist Michael 'Breiti' Breitkopf in der erzwungenen fünfwöchigen Tour-Unterbrechung alleine durch den Wald läuft oder Andi in einer kleinen Jolle über den Unterbacher See segelt. Den Blick auf den Horizont gerichtet.

Zwangspause nach Hörsturz: Campino an der Oberkasseler Brücke. Foto: avanti media fiction

Szenen wie diese sind es, die den Film "Weil Du nur einmal lebst — Die Toten Hosen auf Tour zu einem besonderen Film machen. Zu einem Film, der eben nicht nur die Fans der Punk-Band aus Düsseldorf einfängt, umsorgt und noch näher heranführt an ein Musikphänomen, das kaum erklärbar und doch so einleuchtend erscheint. Es ist ein Film gelungen, der von engagierten Musikern erzählt, von demokratischen Prozessen. Und, ja, auch das, von Freundschaft. Und während sich eine Auswahl der wichtigsten Songs wie ein roter Faden durch den Film zieht, schaffen gerade die ausschließlich dokumentarisch beobachteten Dialoge der Musiker etwas Besonderes: einen Einblick in die authentischen und mitunter intimen Dialog der Band.

Dabei wird auch der feine Humor der fünf Musiker im Film vorzüglich herausgearbeitet, denn der lakonische Satz Campinos nach erlittenem Hörsturz bleibt dem Film erhalten. Der nämlich lautet: Ohren auf bei der Berufswahl.

(Sven-André Dreyer, sdr)
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