Im Interview - DAF Mussolini, Hitler und der Heiland

Mit der Parole "Verschwende deine Jugend" schrieb die Deutsch Amerikanische Freundschaft Musikgeschichte. Dass das Düsseldorfer Duo DAF über 35 Jahre nach seiner Gründung noch relevant ist, macht jetzt eine offizielle Biografie deutlich.

 Gabi Delgado (l.) und Robert Görl in Hamburg 2017 - „Wir wollten alle Denkmäler vom Sockel stoßen.“

Gabi Delgado (l.) und Robert Görl in Hamburg 2017 - „Wir wollten alle Denkmäler vom Sockel stoßen.“

Foto: Anne Kurras

Bereits lange vor Rammstein provozierten Gabi Delgado und Robert Görl mit einer neuen teutonischen Popmusik und gezielten Tabubrüchen. Ihre Platten gelten als Vorläufer des Techno und sicherten den Düsseldorfern einen Platz im Musik-Olymp. Olaf Neumann traf das dynamische Duo in Hamburg.

Während der Arbeit an dem Buch stritten Sie sich und lösten DAF zweimal auf. Worüber waren Sie sich uneins?
Gabi Delgado: Wir sind zwei unabhängige, völlig unterschiedliche Künstler, die zusammenkommen, um DAF zu machen. Wir sind beide nicht harmoniesüchtig. Wenn es hart auf hart kommt, gibt es Streit. Er trifft aber nicht das Persönliche, es sind eher künstlerische Auseinandersetzungen.

Wie kommen Sie wieder zusammen?
Robert Görl: Indem ich zufälligerweise Gabis Nummer wieder zur Hand habe. DAF hat sich ja schon ein paar Mal getrennt. Das tat gut, denn so konnten wir in Ruhe Solowerke machen und über den Streit Gras wachsen lassen. Plötzlich macht DAF wieder Spaß.

Das Magazin Sounds schrieb 1980, der DAF-Song "Ich und die Wirklichkeit" treffe das Lebensgefühl dieser Zeit genau. Was war das für ein Lebensgefühl?
Delgado: "Ich und die Wirklichkeit" ist ein Stück über verschiedene Identitäten und heutzutage noch aktueller als damals, wenn man schaut, wie viele Leute mehrere Facebook-Profile haben. Trotzdem gab es in den 80er Jahren ein spezielles Lebensgefühl, das war der Tanz auf dem Vulkan. Eine absolute Risikobereitschaft. Durch die Brutalisierung der real existierenden Verhältnisse konnten plötzlich auch in Deutschland Leute verhungern. Die soziale Marktwirtschaft wurde abgeschafft und durch brutale Börsen-Haie zerstört.
Görl: Trotz eines No-Future-Gefühls ging es in der Musik um einen Neuanfang. Allein in Düsseldorf sprossen Bands wie Pilze aus dem Boden. Das wurde später Neue Deutsche Welle genannt. Die Leute fingen an, sich ihre Klamotten selber zu machen.

Gibt es heute weniger gute Musik als früher?
Delgado: Auf keinen Fall! 95 Prozent der Musik waren schon immer angepasst. Und der Rest war revolutionär. Die 80er Jahre hatten auf keinen Fall mehr aufregendes und innovatives Zeug als 2017. Diese Verehrung für die 80er kann ich überhaupt nicht teilen! Wahr ist allerdings, dass Musik als identitätsbildender Faktor für Jugendkulturen an Bedeutung verloren hat. Heute ist der Turnschuh wichtiger als die Musik. Ein bestimmtes Videogame ist für die Kids heute genauso wichtig wie für uns damals die Musik. Das ist ein Lifestyle und eine Philosophie. Ich finde selber Videogames besser als Musik.
Görl: Ich finde Videogames total langweilig. Leute, die den ganzen Tag Playstation spielen, sind für mich Idioten.
Delgado: Ja, weil du alt bist und das nicht verstehst. Du drehst den ganzen Tag am Synthie rum, für andere bist du auch ein Idiot. Ich sehe schon kommen, wir lösen uns gleich wieder auf! (lacht)

1981 reduzierten Sie Ihre Musik auf das Wesentliche: analoge Synthies, treibendes Schlagzeug, erotischer Gesang. War das eine Reaktion auf den Bombastrock der 70er Jahre?
Görl: Ja. Davor habe ich klassische Musik studiert und auch Jazz gemacht. Am Ende meines Studiums verspürte ich den Wunsch, noch progressiver zu werden. Das war die Zeit, als ich den Gabi in Düsseldorf traf. Er kam aus der Punkszene. Und dann hat sich das alles vermischt. Die Punks, die Gabi kannte, konnten oft nicht einmal zwei Akkorde spielen.
Delgado: Mit Robert hatte ich die Chance, wirklich etwas Neues zu machen, weil er richtig was konnte. Wir waren uns darüber einig, Musik zu machen, die in keiner angloamerikanische Tradition steht. Wir waren stramme Antiimperialisten.

Robert, Sie bekamen mit 16 Schlagzeugunterricht bei dem legendären Fritz "Freddie" Brocksieper, dem jüdischen Drummer der nationalsozialistischen Propaganda-Bigband Charlie and his Orchestra. Was hat er Ihnen beigebracht?
Görl: Brocksieper hat ein ganz feines Schlagzeug gespielt. Er sagte mir, ich hätte Talent und er wolle mich richtig gut machen. Ohne ihn wäre ich vielleicht Rockmusiker geworden.

Ihre erste Freejazz-Band an der Musikhochschule Graz nannten Sie provokativ "Hitlerjugend". Von wem wollten Sie sich mit dieser Art von Ironie abgrenzen?
Görl: Von der Gesellschaft. Die Leute sind damals schon in Massen zu uns gekommen und wir wollten sehen, wie sie reagieren. Unsere Professoren zeigten uns direkt die Rote Karte und schmissen uns endgültig raus.

Später lösten DAF mit "Der Mussolini" inklusive der Zeile "Tanz den Adolf Hitler" heftige Reaktionen aus. Was wollten Sie mit dem Song ausdrücken?
Delgado: Die Austauschbarkeit von Ideologien. Wir wollten alle Denkmäler vom Sockel stoßen, egal ob positive oder negative. Als ich zur Schule ging, war das Dritte Reich ein Tabuthema. "Der Mussolini" wurde damals im Bayerischen Rundfunk nicht verboten, weil Hitler und Mussolini darin vorkamen, sondern weil sie im selben Atemzug mit unserem Heiland Jesus Christus genannt wurden. Meine Eltern waren Antifaschisten, weshalb sie Spanien bei Nacht und Nebel verlassen mussten. Ich war natürlich Franco-Gegner, aber trotzdem wurde er zu einem übergroßen negativen Denkmal, dem ein gewisser Respekt gezollt wurde. Ich wollte diese Denkmäler zu Witzfiguren machen, damit man sie endgültig los wird.

Richard Branson nahm DAF 1981 für sein Label Virgin Records weltweit unter Vertrag. Haben Sie in Deutschland mehr Platten verkauft als die Sex Pistols?
Görl: Auf alle Fälle. In Deutschland waren wir erfolgreicher als die Sex Pistols und Mike Oldfield.

Robert, 1989 wurden Ihnen bei einem Autounfall der rechte Arm abgetrennt. Sind Sie wirklich mit Ihrem eigenen Arm in der Hand aus dem Wrack geklettert?
Görl: Ich bin in einer vereisten Kurve mit 100 Sachen ungebremst gegen einen Baum geknallt. Als ich nach dem Unfall so langsam wieder zu mir kam, sah ich meinen rechten Arm unten im Fußbereich liegen. Ich habe aber nichts gespürt und bin mit dem Arm aus dem Auto gerobbt und hockte noch eine ganze Weile auf der vereisten Straße, bis der Krankenwagen kam.

Wie lange dauerte die Operation?
Görl: Zehn Stunden. Es war eine Meisterleistung, weil wirklich alles durchtrennt war. In mir drin ist Nasa-Metall aus Amerika. Es dauerte Jahre, bis ich wieder Schlagzeug spielen konnte. Heute spüre ich von dem Unfall nichts mehr.

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