Wer schon einmal versucht hat, sich in einem fremden Land beruflich neu zu etablieren, weiß: Es geht nicht nur um Qualifikationen auf dem Papier. Es geht um Sprache, um Systeme, um ungeschriebene Regeln und manchmal schlicht darum, jemanden zu kennen, der den Weg schon gegangen ist. Genau hier setzt der Freiburger Bund an: ein Netzwerk, das sich auf internationale Gesundheitsfachkräfte in Deutschland spezialisiert hat und inzwischen Mitglieder aus zahlreichen Ländern vereint. Wir haben mit Dr. Nabeel Farhan gesprochen, der sowohl den Freiburger Bund als auch die Freiburg International Academy (FIA) leitet.
Frage: Herr Dr. Farhan, was unterscheidet den Freiburger Bund von einer klassischen Berufsvereinigung?
Dr. Farhan: Das Netzwerk wurde von Menschen gegründet, die diese Erfahrung selbst gemacht haben: die Unsicherheit beim Visa-Prozess, die zermürbende Wartezeit auf Berufsanerkennung, die Sprachbarriere im Klinikalltag. Das ist kein Marketingversprechen, sondern der Kern, aus dem heraus das Netzwerk entstand. Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker, die bereits in Deutschland Fuß gefasst haben, stehen neu Zugezogenen mit konkretem Erfahrungswissen zur Seite. Das klingt simpel und ist dabei höchst effektiv.
Frage: Wie würden Sie das Grundprinzip des Netzwerks beschreiben?
Dr. Farhan: Wissen, das jemand bereits erworben hat, sollte nicht verloren gehen. Wenn eine Ärztin aus Ägypten den gesamten Anerkennungsprozess durchlaufen hat, trägt sie einen Erfahrungsschatz in sich, der für die nächste Person, die denselben Weg geht, Gold wert ist. Dieser Gedanke der systematischen Weitergabe ist es, der das Netzwerk trägt. Weniger eine Institution, mehr ein lebendiger Kreislauf aus Geben und Nehmen.
Frage: Die Mitglieder kommen aus sehr unterschiedlichen Ländern, Syrien, dem Irak, Tunesien, der Ukraine, Indien, Nigeria und vielen mehr. Ist diese Internationalität ein Zufall oder eine bewusste Entscheidung?
Dr. Farhan: Weder noch, sie ist ein bewusstes Gestaltungsprinzip. Die Mitglieder bringen nicht nur unterschiedliche medizinische Ausbildungstraditionen mit, sondern auch verschiedene Kommunikationsstile, Patientenverständnisse und klinische Herangehensweisen. Wer mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Ländern und Regionen diskutiert, denkt zwangsläufig breiter. Aus der Vielfalt entsteht dabei keine Beliebigkeit, sondern Tiefe. Ähnlich wie ein Orchester erst durch das Zusammenspiel verschiedener Instrumente seinen vollen Klang entfaltet.
Frage: Welchen konkreten Mehrwert hat das für den Lernprozess einzelner Fachkräfte?
Dr. Farhan: Eine Fachärztin aus Syrien, die ihr medizinisches Studium unter völlig anderen curricularen Bedingungen absolviert hat als ein Kollege aus Indien, bringt andere Denkmuster in eine klinische Diskussion ein. Das bereichert nicht nur die Lerngruppe, sondern schärft auch das eigene fachliche Profil. Wer lernt, medizinische Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, ist im Klinikalltag flexibler und im Umgang mit einer heterogenen Patientenschaft besser vorbereitet. Das ist kein weicher Mehrwert, sondern ein handfester Qualitätsfaktor.
Frage: Wie sehen Sie die Rolle des Netzwerks im Kontext des deutschen Gesundheitssystems?
Dr. Farhan: Das deutsche Gesundheitssystem ist auf internationale Fachkräfte angewiesen. Das ist Realität. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie wir diese Integration gestalten. Ein Netzwerk wie der Freiburger Bund kann dabei eine Brücke sein, die weder Behörden noch Kliniken allein bauen können.
Frage: Was planen Sie auf der technischen Seite für die Zukunft?
Dr. Farhan: Wir arbeiten an einer Plattformerweiterung, die künftig drei Portale umfassen soll: ein Community-Portal für den direkten Austausch unter Mitgliedern, ein Infoportal sowie ein Job-Portal mit persönlicher Beratung bei der Stellensuche. Was sich nach Standard-Features anhört, ist im Kontext unserer Zielgruppe sehr durchdacht.
Frage: Warum brauchen internationale Fachkräfte speziell zugeschnittene Angebote?
Dr. Farhan: Wer aus dem Ausland nach Deutschland kommt und dabei gleichzeitig Sprachkurse absolviert, Behördengänge organisiert und seinen Berufsalltag strukturiert, braucht keine allgemeinen Karriereplattformen, sondern Angebote, die exakt auf den eigenen Weg zugeschnitten sind. Das Infoportal wird mehrsprachig in Deutsch, Englisch, Arabisch und Französisch verfügbar sein. Themen wie Reisevorbereitung, Berufsanerkennung, Visumantrag und Stellensuche werden dort aufbereitet. Für viele Neuankömmlinge ist das der erste verlässliche Orientierungspunkt in einem System, das von außen undurchsichtig wirkt. Wer nicht weiß, was eine Approbation ist und warum sie sich von einer Berufserlaubnis unterscheidet, findet dort Antworten, ohne auf Behördensprache angewiesen zu sein.
Frage: Sie leiten gleichzeitig den Freiburger Bund und die Freiburg International Academy (FIA). Wie ergänzen sich die beiden Strukturen?
Dr. Farhan: Die FIA qualifiziert seit 2015 internationale Gesundheitsfachkräfte für die berufliche Anerkennung in Deutschland. Sie betreibt Schulungszentren unter anderem in Freiburg, Berlin, Frankfurt, Hannover, Heidelberg und Landshut und begleitet Ärztinnen und Ärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker durch berufsbezogene Sprach- und Fachkurse sowie prüfungsvorbereitende Qualifizierungsmaßnahmen. Als nach AZAV zertifizierter Bildungsträger deckt die FIA den formalen Weg zur Berufsanerkennung ab, von der Sprachprüfung auf A1-Niveau bis hin zum Patientenkommunikationstest auf C1-Niveau. Während die FIA den formalen Qualifizierungsweg begleitet, schlägt der Freiburger Bund die Brücke in die Community. Man könnte sagen: Die FIA öffnet die Tür zum deutschen Gesundheitssystem, der Freiburger Bund sorgt dafür, dass man nicht allein durch sie hindurchgeht.
Frage: Haben Sie das von Anfang an so geplant oder hat sich die Kombination erst im Laufe der Zeit ergeben?
Dr. Farhan: Es hat sich gezeigt, dass Qualifizierung allein nicht ausreicht. Fachkräfte brauchen auch ein soziales Fundament: Gleichgesinnte, Orientierung, das Gefühl, nicht von vorne anzufangen, sondern auf etwas aufzubauen. Das ist der Punkt, an dem das Netzwerk ansetzt. Die Kombination beider Strukturen war insofern keine Zufälligkeit, sondern eine logische Konsequenz aus dem, was wir in der Praxis erlebt haben.
Frage: Wie beschreiben Mitglieder selbst die Wirkung des Netzwerks?
Dr. Farhan: Wer als Ärztin aus Tunesien oder als Zahnarzt aus dem Irak nach Deutschland kommt, kämpft häufig nicht nur mit bürokratischen Hürden, sondern auch mit dem Gefühl, allein durch einen Dschungel zu navigieren, den alle anderen schon zu kennen scheinen. Ein Netzwerk, das in mehreren Sprachen kommuniziert und in dem jemand antwortet, der dieselbe Ausgangslage kannte, verändert diese Erfahrung grundlegend. Aus der Isolation wird Zugehörigkeit, aus dem Einzelkampf ein gemeinsamer Weg.
Frage: Über welche Kanäle erreichen Sie die Fachkräfte?
Dr. Farhan: Das Netzwerk wird den Austausch weitestgehend über eine App pflegen, die kurz vor dem Launch steht. Zusätzlich wird das bereits angesprochene Community-Portal ein weiterer Hub für direkte Kommunikation. Einzige Voraussetzung dafür ist, ein Profil beim Freiburger Bund zu erstellen. Das ermöglicht uns, Fachkräfte dort zu erreichen, wo sie bereits sind: auf dem Smartphone, im Kurs, auf dem Weg zur Behörde. Diese Offenheit ist gewollt.
Frage: Was möchten Sie mit dem Freiburger Bund langfristig erreichen?
Dr. Farhan: Wenn Ärztinnen aus unterschiedlichen Ländern mit- und voneinander lernen und gemeinsam in die Versorgung eintreten, verändert das nicht nur ihre individuelle Karriere. Es verändert auch, wie Gesundheitsversorgung in einem Land aussieht, das auf genau diese Fachkräfte angewiesen ist. Wir wollen keinen sicheren Hafen bauen, in dem internationale Fachkräfte unter sich bleiben. Wir wollen eine Gemeinschaft, die sie so stark macht, dass sie das deutsche Gesundheitssystem aktiv mitgestalten können.
Frage: Das klingt nach einem grundlegenden Unterschied im Integrationsverständnis.
Dr. Farhan: Genau. Es ist ein Unterschied, der zählt: zwischen Integration als Anpassungsleistung einerseits und Integration als Beitrag andererseits. Der Freiburger Bund versteht sich als Plattform für Letzteres. Und wer sich unser wachsendes Netzwerk ansieht, bekommt einen konkreten Eindruck davon, was entsteht, wenn Lernen keine Grenzen mehr kennt