Flingern-Rundgang: Stefan Schneider und Marina Lukas führen durchs Quartier

Stadtteil-Rundgang : Flingern zu Fuß

Stefan Schneider kennt man in Düsseldorf in erster Linie als Musiker und Fotograf. Ab und an zeigt er auch Leuten besondere Ecken seiner Stadt. Am 28. Oktober führt er auf Einladung des Kabawil e.V. gemeinsam mit Marina Lukas durch Flingern.

Herr Schneider, welche Verbindung haben Sie und Marina Lukas zum Stadtteil Flingern? Haben Sie jemals im Stadtteil gewohnt?

Nein, weder Marina Lukas noch ich haben je in Flingern gewohnt oder gearbeitet. Dennoch kennen wir den Stadtteil seit Jahrzehnten und haben viele Veränderungen in der Zeit mitbekommen. Wir sind ja auch keine Historiker, Stadtplaner oder Experten, sondern haben für unseren Rundgang eher die Perspektive des aufmerksamen Amateurs gewählt. Bei den letzten beiden Walks waren überwiegend Leute aus Flingern dabei, die sich hinterher bedankten, Ecken gesehen zu haben, die sie selber nicht kannten.

Flingern hat sich in den vergangenen zwei Dekaden stark verändert. Die Mieten und Immobilienpreise sind stark gestiegen, bestimmte Gruppen verdrängt worden. Wie beurteilen Sie die Entwicklung? Und inwiefern spielt sie bei Ihrem Rundgang eine Rolle?

Jede Stadt verändert sich ständig. Die Stadt ist immer der Austausch von neuen Ideen, der Ort, an dem Neues auf Bewährtes trifft. Ich denke, dass es in Flingern immer noch eine sehr heterogene Bewohnerschaft gibt. Man entdeckt immer noch viele Spuren aus der industriellen Vergangenheit, die sich in den heutigen Verhältnissen abbilden. Genossenschaftswohnungen, AWO, Sportvereine, Kleingärten, Eisenbahnstrecken oder Nachbarschaftshilfen haben alle ihren Ursprung im 19. Jahrhundert, als die Stadt durch die Industrialisierung sehr schnell wuchs. Warum sollte Flingern heute von den allgemeinen Veränderungen verschont bleiben? Der Stadtteil ist ja von industriellen Investoren überhaupt erst in seiner bekannten Form geformt worden. Dass nun wunderbare Einrichtungen wie zum Beispiel das „Fortuna Eck“ oder die Nachbarschaftshilfe Hellweg schließen sollen, ist natürlich ärgerlich.

Viele Rundgänge beschränken sich auf Stadthistorisches. Wie ist das Konzept des „Flingern Walks“?

Für unseren Rundgang haben wir bewusst kein Thema gewählt. Wir haben auch nur Orte ausgesucht, zu denen wir selber einen Bezug hatten oder entwickelt haben. Unsere Route ist relativ kurz, nur knapp drei Kilometer. Dort finden sich Orte, an denen wir unter anderem auf die Zwangsarbeiterlager im Zweiten Weltkrieg, die Rheinlandbesetzung der 1920er-Jahre, die Entwicklung der Industrialisierung oder den Hauptbahnhof zu sprechen kommen. Interessant wird all das erst, wenn es einen Bezug und Kontrast zur Gegenwart gibt. Dazu haben wir auch einige Stationen, wie zum Beispiel die koreanische Christengemeinde, den Boxring 1946 oder die Musikerin Frauke Berg, die ein kurzes Elektronik-Konzert auf dem Weg spielen wird. Wichtig war es uns dabei, eine Vielfalt von Perspektiven, Menschen und Orten auf dem Walk zu zeigen.

Stadtrundgänge sind ja nicht selten Expertentreffen, das heißt, es nehmen Leute teil, die sich für einen Stadtteil sehr interessieren – und sehr viel darüber wissen. Sie haben den Rundgang vor einigen Wochen ja schon einmal angeboten. Haben Sie dabei selber etwas über Flingern gelernt?

Ja, sehr viel. Besonders toll war die Freizeitstätte für Jugendliche auf dem Hellweg. Es war uns wichtig, auch junge Leute dabei zu haben, die aus ihrer Sicht etwas zu ihrem Alltag in Flingern erzählen. Zeitzeugen haben ja kein Mindestalter.

Sie sind nicht nur Musiker, sondern auch Fotograf, haben an der Akademie bei Bernd und Hilla Becher studiert. Haben Sie auch Aufnahmen von Flingern in Ihrem Archiv?

Ich habe einige Fotografien aus Flingern, die ich 1985 für die Bewerbungsmappe bei Becher gemacht habe. Die Fotografie gab mir immer die Möglichkeit, mir Stadtteile anzusehen, in denen ich sonst nichts zu tun hatte.

Was gefällt Ihnen persönlich besonders gut an Flingern?

Wir haben im Stadtarchiv recherchiert, aber auch viele Leute in Flingern persönlich angesprochen. Dabei waren wir sehr angetan davon, wie offen und zugänglich wir überall ins Gespräch kamen.