Interview "Wenn's falsch ist, sag' ich das"

Tim Eigenbrodt (26) und Fatih Kilinc (29) lernten sich in ihrer kaufmännischen Ausbildung kennen und sind mittlerweile beste Freunde. Sie haben jetzt das Buch "Happy mit Handikap" herausgebracht.

 Beide sitzen im Rollstuhl, beide sind jetzt Buchautoren. Wir treffen Tim Eigenbrodt (r.) und Fatih Kilinc vorm Start der "Woche der Inklusion" in Düsseldorf. "Happy mit Handikap" lautet der Buch-Titel. Das falsche "k" erläutern sie im Interview mit dem Düsseldorfer Anzeiger verschmitzt: "Man erwartet von Menschen mit Behinderung Fehler. Wir wollten niemanden enttäuschen..."

Beide sitzen im Rollstuhl, beide sind jetzt Buchautoren. Wir treffen Tim Eigenbrodt (r.) und Fatih Kilinc vorm Start der "Woche der Inklusion" in Düsseldorf. "Happy mit Handikap" lautet der Buch-Titel. Das falsche "k" erläutern sie im Interview mit dem Düsseldorfer Anzeiger verschmitzt: "Man erwartet von Menschen mit Behinderung Fehler. Wir wollten niemanden enttäuschen..."

Foto: Patrick Jansen

Sie brauchen beide einen Rollstuhl, kommen aus Düsseldorf und Langenfeld. Geht man in einer Großstadt im Gegensatz zu einer Kleinstadt anders mit behinderten Menschen um?

Tim Eigenbrodt Nein, da gibt's keinen Unterschied.

Fatih Kilinc Wenn man in einer Kleinstadt lebt, dann ist das Verhältnis der Menschen zueinander viel enger, viel familiärer. Während man in der Großstadt auch als Mensch mit Behinderung schnell neue Leute treffen kann. Das trifft aber nicht nur auf Leute mit Handicap zu, sondern auch auf alle anderen.

Welche Einschränkungen haben Sie?

Fatih Kilinc Ich habe Gleichgewichtsprobleme, kann nur wenige Schritte gehen. Gerade in der Stadt sitze ich lieber im Rollstuhl, weil die Leute da unachtsamer sind.

Tim Eigenbrodt Ich kann auch am Stock gehen, aber im Rollstuhl fühle ich mich sicherer und mobiler.

Welche Probleme begegnen Ihnen im Alltag?

Tim Eigenbrodt Manche Mitmenschen sind ganz offen, kommen auf mich zu und fragen, ob sie helfen können, wenn ich vor einer Treppe stehe. Auf hohe Bürgersteige komme ich nicht gut hoch.

Fatih Kilinc Wenn ich jemanden kennenlerne, dann gibt es oft Berührungsängste. Wenn mich derjenige dann besser kennt, stellt er fest, dass ich ein ganz normaler Mensch bin.

Sind die Menschen denn eher übervorsichtig oder rücksichtslos?

Tim Eigenbrodt Das gibt es beides. Am liebsten ist es mir, wenn mich jemand anspricht und fragt, ob er helfen kann, wenn er sieht, dass ich nicht weiterkomme.

Wie kamen Sie auf die Idee jetzt das Buch "Happy mit Handikap" zu schreiben?

Tim Eigenbrodt Die Idee ist in der Zeit vor der Bundestagswahl 2013 entstanden…

Fatih Kilinc ...an einem der Wahlkampfstände in der Kölner Innenstadt stand das Wort Inklusion. Die Dame dort sagte uns aber, dass derjenige, der darüber Bescheid wüsste, nicht am Stand ist. Es stellte sich heraus, dass es diese Person gar nicht gab.

 Tim Eigenbrodt (l.) und Fatih Kilinc wünschen sich einen normalen Umgang mit behinderten Menschen und Hilfe, wenn sie nötig ist.

Tim Eigenbrodt (l.) und Fatih Kilinc wünschen sich einen normalen Umgang mit behinderten Menschen und Hilfe, wenn sie nötig ist.

Foto: Patrick Jansen

Sie haben das Thema dann selbst in die Hand genommen.

Fatih Kilinc Mich hat interessiert, was die Menschen mit dem Begriff Inklusion und Behinderung verbinden.

Welche Ansichten haben die Menschen?

Fatih Kilinc Das Spektrum reichte von "Damit habe ich nichts zu tun" bis "Ich habe selbst jemanden in der Familie" oder "Ich bin selbst beruflich in diesem Feld unterwegs." Wir haben festgestellt, dass junge Menschen, die beruflich mit behinderten Menschen arbeiten möchten, vorher oft überhaupt keinen Kontakt zu solchen Menschen hatten.

Wie sind Sie an das Thema herangegangen?

Fatih Kilinc Wir sind einfach auf die Straße gegangen und haben Leute angesprochen. Darunter waren auch Menschen wie Dzenan. Er wurde als Kind als 70 Prozent geistig behindert eingestuft. Jetzt ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der RWTH Aachen im Bereich Informatik.

Welches Ziel haben Sie mit Ihrem Buch?

Tim Eigenbrodt Wir wollen eine Kreativ-Plattform im Internet gründen für Menschen mit und ohne Behinderung, die vielleicht auch ein Buch schreiben möchten. Wir haben nämlich festgestellt, dass Leute schreiben wollen, aber beispielsweise nicht wissen, wie man einen Verleger findet oder richtig formuliert.

Fatih Kilinc Wenn man in unser Buch schaut, sieht man Menschen, die ziemlich viel geschafft haben, von denen man das aber nicht erwartet hätte. Ich bin in der Schule damals auch falsch eingeschätzt worden.

Wie lautet Ihr Fazit? Ist Inklusion geglückt oder auf einem guten Weg?

Fatih Kilinc Das können Sie ganz einfach an einem Behinderten-WC sehen. Meistens ist der Spiegel verstellbar und das ganze eine architektonische Meisterleistung, damit es für alle passt. Da wird häufig viel zu kompliziert gedacht. Man braucht doch nur einen großen Spiegel, da kann sich jeder drin sehen. Ganz einfach!

Was muss sich dafür noch ändern?

Fatih Kilinc Die Leute müssen offener werden. Und sich nicht ständig fragen, wie ich etwas einem Behinderten sagen soll. Sag's einfach! Wenn's falsch ist, dann sag ich dir das schon. Niemand reißt dir den Kopf ab. Da muss sich das Denken der Menschen ändern.

Ein zweites Buch ist bereits in Planung?

Fatih Kilinc Es wird ein Bildband, der den Leser in unsere Welt einlädt.

Tim Eigenbrodt Ein ganz einfaches Thema: Sie gehen in einem Supermarkt einkaufen und nehmen einfach etwas aus der Kühltruhe. Ich rolle da rein und komme im Sitzen mit der Hand nicht in die Kühltruhe hinein...

(DA)
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