Ingrid Wald lebt seit 17 Jahren am Oberbilker Lessingplatz und fühlt sich dort, obwohl der Platz als sozialer Brennpunkt gilt, sehr wohl.

Ingrid Wald lebt am Lessingplatz : „Angst habe ich hier noch nie gehabt“

Der Lessingplatz in Oberbilk gilt als sozialer Brennpunkt. Wenn über ihn berichtet wird, geht es häufig um Drogen, Messerstecher, Gewalt und das damit einhergehende Thema Sicherheit. Gerade ältere Menschen, so heißt es häufig, fühlten sich am Platz nicht sicher. Wir haben mit einer langjährigen Anwohnerin gesprochen, die das anders sieht. Ingrid Wald.

Frau Wald, seit wann wohnen Sie am Lessingplatz?

Seit 17 Jahren. 2002 bin ich hierher gezogen.

Und wo haben Sie vorher gewohnt?

In Oberkassel, 30 Jahre lang. Da war der Kontrast natürlich schon da. Ich hatte ihn aber auch bewusst gesucht. Meine Tochter wohnte zu der Zeit auch in Oberbilk. Sie sagte damals den schönen Satz: „Hier passt du viel besser hin“.

Wie war Ihr erster Eindruck vom Lessingplatz?

Ich war vorher noch nie in dieser Gegend gewesen und war total erstaunt, als ich den Lessingplatz entdeckte. Die schönen alten Häuser. Und die vielen hohen Bäume. Eine grüne Lunge, mitten in der Stadt. Gleichzeitig war alles fußläufig zu erreichen: Bäcker, Apotheke, Zahnarzt. Am Platz wohnte zu der Zeit ein sehr gemischtes Publikum. An der Siemensstraße Ecke Apollinarisstraße gab es damals noch einen griechischen Kiosk. Und schräg gegenüber vom Kiosk ein Kneipenrestaurant, den „Weißen Turm“. Da bin ich häufiger essen gegangen.

Wie nutzen Sie den Lessingplatz?

2008 bin ich zum ersten Mal Oma geworden. Damals war ich mit meinem Enkel regelmäßig einmal in der Woche auf dem Spielplatz am Lessingplatz. Wir haben uns dort beide sehr wohl gefühlt.

Und gehen Sie auch schon mal alleine auf den Platz?

Auch das. Ich habe zwar einen Balkon, aber der ist leider sehr schattig. Wenn ich also mal Lust auf Sonne habe, setze ich mich mit einem Buch auf eine Bank am Platz. Oder schaue einfach in den Himmel. Obwohl der Platz mitten in der Stadt ist, hat er ja eine gewisse Weite. Die Kirche mit ihrem regelmäßigen Glockenklang hat etwas geradezu Heimeliges. Verglichen mit beispielsweise Oberkassel empfinde ich das Klima hier als wesentlich wärmer. Mir gefällt es zum Beispiel, wenn sich die älteren nordafrikanischen Frauen, die den Tag über im Stadtteil kaum sichtbar sind, abends auf der langen Bank am Lessingplatz treffen und sich angeregt unterhalten.

Sie wohnen direkt am Platz. Hat sich die Mieterstruktur in Ihrem Haus über die Jahre verändert?

In dem Haus, in dem ich wohne, ist viel Fluktuation. Früher gab es eine marokkanische Familie mit mehreren Kindern im Haus. Aber auch Russen. Oder ein altes Paar, die sind dann aber beide im Laufe der Jahre verstorben. Mittlerweile ziehen viele junge Leute ein. Studenten oder junge Berufstätige. Alle aus der westlichen Welt. Es ist anonymer geworden. Manche Nachbarn würde ich auf der Straße nicht erkennen.

Was macht, generell gefragt, die Lebensqualität am Lessingplatz für Sie aus?

Dass es so quirlig und bunt ist. Dass die Leute rauskommen aus ihren Wohnungen. Das erlebe ich in anderen Vierteln so nicht.

Gibt es trotzdem etwas, was Sie vor Ort vermissen?

Ein kleines Café fände ich toll. Wo man im Sommer mal sitzen kann und einen Milchkaffee trinken.

Lassen Sie uns über ein Thema sprechen, das mit dem Lessingplatz stets in einem Atemzug genannt wird: Sicherheit. Gerade ältere Menschen beklagen häufig, dass Sie sich am Platz nicht sicher fühlen. Wie ist das bei Ihnen?

Angst habe ich noch nie gehabt. Ich beobachte, dass Polizei und Ordnungsamt häufig hier sind. Ich registriere, dass sich viele Leute negativ über den Platz äußern. Ich für mein Teil sehe das anders.

Der Lessingplatz ist überwiegend von alten Gaslaternen bestanden, die verglichen mit LED-Lampen weniger Licht geben. Wie empfinden Sie die Gegend bei Dunkelheit?

Ich muss gestehen, dass ich abends eher selten unterwegs bin. Wenn ich doch mal im Dunkeln heimkomme, nutze ich die Straßenbahn und fahre bis zur Sonnenstraße. So kann ich den Weg vom Bahnhof zum Lessingplatz vermeiden. Die Gaslaternen finde ich total schön. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass es heller ausgeleuchtet sein müsste. Wer sich unsicher fühlt, kann ja eine Taschenlampe mitnehmen.

Gab es im Laufe der vielen Jahre, die Sie hier wohnen, schon mal brenzlige Situationen?

Die gab es, natürlich. Vor einigen Jahren ist hier am Lessingplatz mal eine Frau vergewaltigt worden. Das sind Dinge, die im Hinterkopf sind, die ich aber im Alltag nicht ständig spüre. Auch dass Leute nach Drogen durchsucht werden, kommt häufig vor. Drogen sind natürlich ein Thema rund um den Platz, das bekommt man auch mit. Die Szene wurde vor Jahren vom Bahnhof verdrängt und hat sich dann unter anderem zum Lessingplatz verlagert. Man muss überall vorsichtig sein. Überlegen, welchen Weg man nimmt. Absolute Sicherheit gibt es sowieso nicht, nirgends.

In den vergangenen Jahren hat der Lessingplatz ja durchaus Belebung erfahren. Zuletzt haben beim Büdchentag DJs aufgelegt. Immer donnerstags findet ein kleiner Bauernmarkt statt. Was passiert sonst am Platz?

Immer mehr. Es gab diverse Feste mit Essen, Trinken, Musik und Aktionen für Kinder. Außerdem trifft sich am Lessingplatz regelmäßig eine Trommelgruppe. Da setze ich mich schon mal gerne raus und höre zu. Bis 2018 gab es eine Gruppe von Anwohnern, die einmal in der Woche auf dem Platz Boule gespielt hat. Da war ich auch dabei, das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Durch solche Aktionen erlebt man den Platz immer wieder neu.

Am anderen Ende des Lessingplatzes, also an der Sonnenstraße, ist vor einigen Jahren eine Trinkhalle geschlossen worden, weil man die Klientel, die sich dort traf, gerne loswerden wollte. Mittlerweile ist in dem ehemaligen Kiosk ein Nachbarschaftscafé entstanden. Finden dort denn viele Veranstaltungen statt?

Meiner Beobachtung nach leider nicht, nein. Ich finde das sehr schade, zumal die Stadt ja viel Geld investiert hat, um das Ganze als Nachbarschaftscafé herzurichten.

Welches Angebot würden Sie sich wünschen?

Kleine Lesungen zum Beispiel. Oder auch Kreativkurse.

Rund um das Nachbarschaftscafé treffen sich immer noch zahlreiche Leute, um zu trinken. Stört Sie das?

Die Leute stören mich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Die haben ihren Platz gefunden und bleiben ihm halt treu. Meiner Wahrnehmung nach besteht unter ihnen eine richtige Gemeinschaft. Bei der Fußball-WM hatten sie zum Beispiel einen Fernseher aufgestellt und haben Deutschland-Fähnchen geschwenkt. Mann, habe ich gedacht, wie schön ist das denn?

Irgendwann kam allerdings das Ordnungsamt und hat die Bänke rund um den ehemaligen Kiosk abgeräumt. Angeblich sollten sie renoviert werden.

Das fand ich unmöglich. Aber fiftyfifty hat ja dann ziemlich schnell für Ersatz gesorgt. Und die Stadt hat sich mit der Aktion keinen Gefallen getan. Der öffentliche Raum gehört nun mal allen.

Auf einer Skala von eins bis zehn. Wie hoch würden Sie die Lebensqualität am Lessingplatz bewerten?

Eine sieben könnte ich mit gutem Gewissen geben. Ich sehe schon, dass manches problematisch ist. Aber ich fühle mich hier trotzdem sehr wohl.

Ist der Lessingplatz ein guter Ort, um alt zu werden?

Ja, finde ich schon. Die Wege sind kurz. Die Anbindung an den ÖPNV ist gut. Das ist praktisch. Was ich allerdings noch vermisse, sind Angebote für ältere Menschen am Lessingplatz selber. Für Kinder und Jugendliche gibt es ja schon ziemlich viel.

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