Düsseldorf: Urban Sketcher Norbert Krümmel im Gespräch

Der Zeichner Norbert Krümmel im Gespräch : „Mit schön und hässlich ist es so eine Sache“

Der Düsseldorfer Norbert Krümmel ist Urban Sketcher. Bedeutet: Er zeichnet im öffentlichen Raum. Das kann am Flughafen sein, in der Kneipe oder im Wald. jetzt! Düsseldorfer Anzeiger am Wochenende zeigt alle paar Wochen eine neue Zeichnung des Architekten und gebürtigen Düsseldorfers.

Herr Krümmel, dieses Mal haben Sie die Rochuskirche in Pempelfort festgehalten. Warum?

Eigentlich bin ich im Moment in erster Linie auf der Suche nach Stadtmobiliar, das aus dem öffentlichen Raum verschwindet. Das können Briefkästen sein, Taxisäulen oder auch Telefonzellen. Gerade die alten, gelben Modelle der Telefonhäuschen sind, so mein Eindruck, mittlerweile komplett aus dem Stadtraum verschwunden. Vor der Rochuskirche habe ich zumindest noch ein neueres Modell in Grau und Magenta gefunden. Ich habe mich dann entschieden, es zusammen mit der dahinter stehenden Rochuskirche zu zeichnen.

Und wo genau waren Sie, als die Zeichnung entstand?

Ich saß in einer Bäckerei direkt gegenüber der Kirche, an der Camphausenstraße. Dort war ich mehrmals, um die Kirche zu zeichnen. Die griechischen Betreiber der Bäckerei erkannten mich beim zweiten Besuch schon wieder und stellten mir zusätzlich zum bestellten Latte macchiato gleich auch Wasser zum Aquarellieren hin. Sie schauten mir dann beim Zeichnen über die Schulter und wunderten sich, dass die Telefonzelle auch auf meiner Zeichnung auftauchte. Die sei doch total hässlich, meinten sie. Mit schön und hässlich ist es ja immer so eine Sache.

Finden Sie die Telefonzelle denn schön?

Darum geht es mir gar nicht unbedingt. Ich möchte die Dinge, bevor sie verschwinden, gerne festhalten. Wenn man heute jüngere Leute fragt, was eine Wählscheibe ist, schauen sie einen mit fragenden Augen an. So wird es irgendwann auch mit Telefonzellen sein. Mir gefällt es, auch wenn das ein bisschen pathetisch klingen mag, auf diese Art Abschied zu nehmen von den Dingen.

Lassen Sie uns zur eigentlichen Hauptsache der Zeichnung kommen. Der Rochuskirche. Was bedeutet Ihnen als Architekt der Bau?

Die Rochuskirche hat mich schon als Kind sehr fasziniert, das war in den 1970er-Jahren. Damals glänzte die Kuppel noch in grün-blauer Kupferpatina. Mittlerweile wurden die Dachplatten im Rahmen einer Sanierung ausgetauscht und sind jetzt braun. Für mich ist die Rochuskirche der radikalste und mutigste Kirchenbau, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstanden ist.

Die Kirche wurde 1954 fertiggestellt. Aber bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es an der gleichen Stelle eine neuromanische Kirche, deren Turm bis heute erhalten ist.

Die neuromanische Kirche wurde Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen des Architekten Josef Kleesattel errichtet. Nach 1945 war von dem Bau lediglich eine Ruine übrig. In der Gemeinde gab es damals viele, die dafür plädierten, die alte Kirche wiederaufzubauen. Als dann der Entwurf von Paul Schneider-Esleben kam, war das erst mal ein Schock – auch wenn der alte Turm integriert wurde. Architektonisch war das Ganze aber genau der radikale Neuanfang, den es nach dem Krieg brauchte.

Schneider-Esleben, übrigens der Vater von Kraftwerk-Mitgründer Florian Schneider-Esleben, hat ja in Düsseldorf an unterschiedlichen Stellen Spuren hinterlassen. Finden sich davon noch weitere Beispiele in Ihrem zeichnerischen Werk?

Bisher nur eins. Im vergangenen Herbst habe ich das Mannesmannhochhaus gezeichnet, das natürlich auch sehr faszinierend ist, weil es so schmal und hoch ist. Zudem ist der Bau eines der ersten modernen Hochhäuser der Nachkriegszeit. Ich finde aber auch die anderen Düsseldorfer Bauten von Schneider-Esleben faszinierend, zum Beispiel die Haniel-Garage an der Grafenberger Allee. Sie war eine der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebauten Hochgaragen mit dazugehörigem Motel. Könnte ich eigentlich auch mal zeichnen!

Ursprünglich sollte Schneider-Esleben auch die Innenausstattung der Rochuskirche übernehmen. Das hat dann allerdings nicht geklappt...

Nein, dafür zeichnet Ewald Mataré verantwortlich, der an der Kunstakademie Düsseldorf unter anderem Professor von Joseph Beuys war. Der von ihm gestaltete Innenraum ist wunderbar, man fühlt sich dort auf Anhieb geborgen. Es sieht dort allerdings völlig anders aus als in anderen Kirchen, deshalb muss man sich erst mal orientieren. Wie bei katholischen Sakralbauten üblich, findet man auch bei der Rochuskirche ohne Ende Zahlenmystik. Die 12 Stützen im Innenraum stehen zum Beispiel für die 12 Apostel. Die eiförmige Kuppel soll die Auferstehung Christi symbolisieren. Die Kuppel besteht aus drei großen Paraboloidschalen aus Beton, die wiederum das Thema der Dreifaltigkeit andeuten.

Wissen Sie schon, was Sie als nächstes zeichnen werden?

Nein, das weiß ich noch nicht. Aber ich werde auf jeden Fall wieder vermehrt draußen zeichnen. In der warmen Jahreszeit macht das einfach mehr Spaß.

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