Status Quo-Gründer Francis Rossi im Interview zum neuen Album Backbone

„Man braucht Rückgrat“ : Status Quo-Frontmann Francis Rossi im Interview

Bereits seit 1962 schreibt Francis Rossi mit seiner Band Status Quo Musikgeschichte. Hits wie „Rockin All Over The World“, „Whatever you want“, „Roll Over Lay Down“ oder „In The Army Now“ sorgen bis heute für weltweit ausverkaufte Konzerthallen. Nun legt der 70-Jährige mit seiner Band ein neues Album vor. „Backbone“ ist das 33. Studioalbum einer über 50-jährigen Bandgeschichte. Unser Autor Sven-André Dreyer traf den Musiker zum Interview im Tourbus.

Mr. Rossi, derzeit reisen Sie in einem komfortablen, doppelstöckigen Tourbus durch Europa. Sie haben alles an Bord, eine Küche, ein Wohn- und Schlafzimmer, ein eigenes Bad. Übernachten Sie nicht gerne in Hotels?

Ich habe hier alles was ich brauche. Und selbst dann, wenn wir auf Tour ein schönes Hotel zur Verfügung haben, so schlafe ich lieber in diesem Bus. Hier fühle ich mich einfach sicher und geborgen. Mein eigenes Kopfkissen, meine eigene Decke...

Sie reisen allein?

Nein, normalerweise ist auch die Band mit an Bord. Und die Techniker. Also eine ganze Gruppe, die gemeinsam in diesem Bus unterwegs ist.

Teile Ihrer aktuellen Platte „Backbone“, des ersten Quo-Studioalbums nach acht Jahren, sind ebenfalls hier entstanden, richtig?

Beim Ausprobieren und Jammen mit akustischer Gitarre und einer kleinen Rhythmusmaschine, ja. Und zunächst noch ohne Text. Die magischsten Momente versuche ich dann aufzunehmen und später weiter zu bearbeiten. Zum Beispiel ist der Song „Backing Off“ komplett in diesem Bus entstanden.

Zur Zeit scheinen Sie ein wenig verstimmt und bewerten die politische Entwicklung in Ihrem Land negativ...

Der Brexit ist ein verdammter Fehler. Und weil damals niemand, der in Großbritannien an ein geeintes Europa geglaubt hat, zur Abstimmung gegangen ist, konnten die Europagegner derart überlegen für den Brexit stimmen.

Ihr neues Album trägt den Titel „Backbone“. Eine Nachricht? Ein Statement in eigener Sache?

Unser Bassist John Edwards kam auf den Titel. Er ist sehr gut darin, Schlagworte wie dieses zu finden und entsprechende Songs daraus zu schreiben. Und um ganz ehrlich zu sein: Ich habe den Titel unserem Manager vorgestellt und der war sofort damit einverstanden. Aber, ja, um gut durch das Leben zu kommen benötigt man Rückgrat. Vielleicht auch, um die Sache mit dem verdammten Brexit heil zu überstehen.

Sie veröffentlichen das Album 2019, gehen aber erst 2020 damit auf Tour. Ungewöhnlich...

Tatsächlich hat uns jeder gefragt, warum wir nicht schon in diesem Jahr touren. Wir aber wollen bewusst mit den Erwartungen brechen. Alles in der heutigen Zeit ist so vorhersehbar, schnelllebig und vergänglich, so dass wir einfach etwas dagegen setzen wollen. Wir spielen seit einiger Zeit auch keine Zugaben mehr. Auch so ein Bruch mit Erwartungen...

Überhaupt hat sich in Ihrer Branche viel verändert, nicht? Ist es zum Beispiel nicht unglaublich mühsam, heute vor Publikum zu spielen, das - anders als in den 1970er und 80er-Jahren - während eines Auftritts ständig auf das Mobiltelefon schaut?

Es ist frustrierend. Neulich stand jemand unmittelbar in der ersten Reihe, der während des gesamten Konzerts ausschließlich auf sein Telefon starrte. Er filmte unseren Auftritt und bewegte sich nicht einen Millimeter vom Fleck. Ich verstehe, dass es heute Teil der modernen Gesellschaft ist, frustrierend ist es trotzdem. Aber früher war eben auch nicht alles besser: Es gab auch in den 1960er- und 70er-Jahren Dinge, die nicht gut liefen. Oftmals ist es also nur eine positive Verklärung der Vergangenheit.

Heute genießen Sie jedes Ihrer Konzerte intensiv. Wesentlich intensiver, so erzählten Sie in einem Interview, als noch vor einigen Jahren. Woran liegt das?

Nun, bevor Rick Parfitt, der neben mir dienstälteste Musiker der Band, im Jahr 2016 starb, waren wir in eine Art langweiliger Routine geraten. Die echte, überzeugte Freude am Spielen war verloren gegangen, wie auch unsere Begeisterung für die eigenen Songs. Ricks Tod, aber auch der Einstieg unseres neuen Gitarristen Richie Malone waren schließlich der Auslöser, unsere Situation neu zu überdenken und zu bewerten.

Eine Art Weckruf?

Genau das. Ricks Tod ist das eine, eine Katastrophe, darüber aber wurde mir zudem auch mein eigenes Alter und die rasende Geschwindigkeit, mit der die Zeit vergeht, bewusst. Wir haben uns als Band zusammengerauft, konzentrieren uns nun erneut wesentlich mehr auf unser Spiel. Nun herrscht zwischen uns insbesondere auf Konzerten eine neue Atmosphäre, zum Beispiel dann, wenn wir ältere Stücke spielen. „Roll Over Lay Down“ ist eines davon. Wir schauen uns nun konzentriert während des Spiels auf der Bühne an, versuchen, die Dynamik der Stücke neu zu definieren, neu auszuloten, einfach sauber zu spielen. Es herrscht also wieder eine Spannung und angenehme Aufregung zwischen uns.

Nach dem Tod von Parfitt verstanden viele nicht, dass sie mit der Band weiter gemacht haben.

Viele sagten das auch nach dem Tod von Brian Jones über die Rolling Stones. Und viele sagen, dass die Band Queen nicht ohne ihren Sänger Freddy Mercury existieren könne. Das geht aber sehr wohl, ich habe es selbst gesehen, Queen macht mit einem neuen Sänger weiter. Der ist, was den Gesang angeht, technisch besser als Freddy, was Freddy natürlich nicht ersetzt, klar. Aber er macht einen wirklich guten Job. Und Freddy würde sogar sagen: „Gut so, macht weiter.“ Und auch Rick sagte das zu Richie Malone. Er wäre erfreut darüber, dass wir weitermachen.

Gibt es nach einer derartigen Karriere wie Ihrer noch Ziele, die sie erreichen möchten?

Auch wenn es seltsam klingt, ich meine das ernst: Ich möchte besser werden. Aber es ist wie die berühmte Möhre, die dir ständig vor Augen baumelt: Du läufst hinterher, wirst sie aber nie erreichen.

Ist es das, was Künstler wie Sie auszeichnet?

Vielleicht hat es etwas damit zu tun, vielleicht ist es ein Teil davon. Aber was würde passieren, wenn ich die Möhre tatsächlich erreichen würde? Auch das ist eine Erscheinung der heutigen Gesellschaft: jeder hat so wahnsinnig große Erwartungen. Wenn man zum Beispiel auf ein Konzert geht, das die eigenen Erwartungen zu 90 Prozent erfüllt, dann bleiben dennoch 10 Prozent Enttäuschung übrig. Was dann im schlimmsten Fall vom Abend übrig bleibt ist, dass man vermeintlich eine Enttäuschung erlebt hat.

Sie haben so viele extrem bekannte Stücke und Alben geschrieben. Ist es für Sie heute schwieriger zu komponieren als noch zu Beginn Ihrer Karriere?

Heute ist man vielleicht etwas getriebener. Es ist ja so: Man erlebt eine aufregende und erfolgreiche Zeit mit einem soeben erschienenen neuen Album und dann kommt jemand um die Ecke, der gleich wieder nach einem Nachfolgealbum fragt. Ich bin grundsätzlich auf der Suche nach einer musikalischen Idee, die mich einfängt, begeistert, umhaut.

Heute komponieren Sie allerdings anders als noch vor Jahren.

Von manchen Menschen meines Alters abgelehnt, von mir allerdings geschätzt, nutze ich mitunter dafür auch einen Computer, ja. Es ist einfach ein weiteres Werkzeug um zu komponieren. Wenn mir eine gute Idee kommt, dann nehme ich sie mit meinem Mobiltelefon auf und versuche so, die Essenz des improvisierten Spiels zu konservieren. Manchmal sind das nur kleine Sequenzen, aber die können wir uns dann in der Band hin und her schicken und weiterentwickeln. So ist zum Beispiel auch das neue Album „Backbone“ entstanden...

... das ein bisschen erinnert an Ihr Album „Dog of Two Head“ aus dem Jahr 1971. Obwohl Sie mit Ihrer Band Status Quo selbst für eine andere Musikrichtung stehen - Sie lieben die italienische Oper. Ein Relikt ihrer italienischen Wurzeln?

Ja, mein Vater sang stets lauthals mit, obwohl er unter Dyslexie litt und eigentlich nicht genau wusste, was er da singt oder es zumindest nicht korrekt aussprach. Er sang aber aus vollem Herzen und mit voller emotionaler Begeisterung. Wenn ich die Opern heute höre, dann bin ich sehr gerührt. Diese Musik macht mit mir das, was Musik tun sollte: sie berührt mich zutiefst.

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