Aphoristiker Jürgen Wilbert aus Düsseldorf: Weisheiten im Twitter-Stil

Aphorismen-Papst Dr. Jürgen Wilbert : Weisheiten im Twitter-Stil

„Aphorismen kommen immer zu kurz“, sagt der Düsseldorfer Autor Dr. Jürgen Wilbert, 1945 geboren, augenzwinkernd. Und tatsächlich: Die eigenständige Prosagattung in Miniaturform – pointiert, prägnant und möglichst kurz – findet im allgemeinen Literaturbetrieb wenig Beachtung, obwohl sie insbesondere im deutschen Sprachraum von Dichtern und Philosophen wie Goethe und Nietzsche tradiert wurde. Der Düsseldorfer Anzeiger sprach mit Wilbert, Vorsitzender des Fördervereins Deutsches Aphorismus-Archiv (DAphA), über die außergewöhnliche Literaturform.

Herr Dr. Wilbert, Sie sind Aphoristker und Vorsitzender des Fördervereins Deutsches Aphorismus-Archiv in Hattingen. Wie kamen Sie selbst zum Aphorismus?

Meine erste Begegnung mit der Literaturgattung hatte ich in der Oberstufe des Düsseldorfer Lessing-Gymnasiums in den 1960er Jahren. Ein schmales Bändchen des polnischen Autors Stanisław Jerzy Lec. Und schon der Titel hat mich sehr angesprochen: Unfrisierte Gedanken. Ich war begeistert, dass jemand großartige, gesellschaftskritische und humorvolle Gedanken in nur einem, höchstens zwei Sätzen formuliert. Für mich die Initiation zum Aphorismus. Später, in meinem Studium der Anglistik und Politikwissenschaften, habe ich mich dann erneut intensiv mit den Texten von Lec beschäftigt. Seither hat mich der Aphorismus nicht mehr losgelassen.

In Haan und später in Hattingen waren Sie nach Ihrem Studium als Fachbereichseiter der Volkshochschule auch für die Bereiche Kultur und Literatur verantwortlich. Und auch dort ließ Sie die Literaturgattung nicht los ...

Ich habe dort Seminare begonnen wie ’Schreiben von Aphorismen’ oder ’Ein Streifzug durch die Welt der Aphorismen’. Zu dieser Zeit habe ich auch ein erstes Bändchen mit eigenen Aphorismen veröffentlicht. 2004 fand schließlich in Hattingen auch das erste Aphoristiker-Treffen statt, eine verrückte Idee von mir.

Ebenfalls ein Aphorismus lieferte Ihnen die Idee zum Treffen: „Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie alle einander gut gekannt hätten.“

Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti hat diesen Satz geschrieben. Für mich ein Anknüpfungspunkt und die Idee, dass sich Aphoristiker tatsächlich einmal persönlich kennenlernen sollten.

Alle zwei Jahre organisieren Sie seither die Aphoristiker-Treffen in Hattingen. Die Organisation von Tagungen zum Thema gehören seitdem ebenso zu Ihrer Arbeit wie die Veröffentlichung von Tagungsbänden und der Organisation des 2005 gegründeten Aphoristiker-Vereins und -Archivs, dessen Vorsitzender Sie seit 2008 sind.

In diesem deutschen Aphorismus-Archiv sammeln und inventarisieren wir aphoristische Werke. Mittlerweile über 3.000 Bände aus der Geschichte und Neuzeit. Das ist derzeit schon in weiten Teilen überführt worden in die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Ab 2020 wird es dort dann offiziell eine elektronisch erfasste Sondersammlung des Deutschen Aphorismus-Archivs geben. Für uns die Anerkennung unserer Arbeit schlechthin, das Tollste, was uns passieren konnte.

Neben der Vereinsarbeit publizieren Sie nach wie vor auch eigene literarische Veröffentlichungen. Aktuell erschien Ihr Buch „SinnBilder“. Was erwartet den Leser?

Das Buch ist so etwas wie ein Gesamtwerk, im Alter von über 70 darf man so etwas sagen. Es vereint meine sowohl älteren, zum Teil überarbeiteten, als auch aktuelle Aphorismen, thematisch gegliedert durch 40 Fotografien von Rainald Hüwe. Damit ist auch so etwas wie ein ’Sinnbilderbuch’ entstanden. Die Grundidee war, keine Bleiwüste zu schaffen, sondern einen wunderbar lesbaren Band mit viel Luft und einer thematischen Gliederung durch die entsprechenden Fotos.

Ist es, im Zuge der Digitalisierung und Verknappung von Inhalten, noch zeitgemäß, Aphorismen zu schreiben oder vielleicht gerade deshalb?

Aphorismen sind eindeutig zeitgemäß. Auf einer unserer Tagungen hatten wir eine Referentin, die eine Untersuchung zum Thema ’Aphoristisches in Twitter-Texten’ präsentierte. Gerade die Kurzform ist im Internet en vogue. Dennoch muss man unterscheiden zwischen den Texten, die aus dem hohlen Bauch heraus entstehen und denen, die Sprachkunst mit philosophischen Gedanken verknüpfen. Und auch die Plakatwerbung ist interessant. Gerade politische Parteien werben oft mit nur einem Satz. Im öffentlichen Raum wimmelt es nur so vor kurzen, prägnanten Sätzen. Wenn auch nicht immer gut gemacht, interessant ist diese Art allemal.

Mehr von Düsseldorfer Anzeiger