1. Düsseldorf

Schönheitsoperationen liegen im Trend - bei Frauen und Männern

Immer mehr Menschen lassen ihr Äußeres perfektionieren : Die Selfie-Gesellschaft

Nie war es so wichtig wie heutzutage, gut, sprich: frisch, jugendlich und gesund auszusehen. Und nie war es so einfach, dem ein bisschen nachzuhelfen – durch Spritzen für volle Lippen oder glatte Haut, Lidstraffung und Nasenkorrektur, Brustvergrößerung oder Fettabsaugung.

Schönheitsoperationen liegen im Trend – nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern. Zudem wird die Klientel immer jünger. Ein Grund sind die sozialen Medien, in denen permanent scheinbar makellose Körper präsentiert werden.

Wer auf Instagram oder anderen Plattformen ein Foto von sich hochlädt, tut dies in der Regel nicht, ohne es vorher mittels Filter oder Beauty-App bearbeitet zu haben. Die Augen größer, die Nase schmaler, die Zähne strahlend weiß, den Pickel wegretuschiert.

Schönheit gilt heute als Leistung, für die man bewundert wird – je größer der Busen, je praller der Po, desto mehr Likes und desto stärker der Drang zur Selbstoptimierung. Und dann steht Frau oder Mann eines Tages in der Praxis eines Schönheitschirurgen und zeigt dem Arzt ein Handyfoto: „So möchte ich aussehen.“

Für Massud Hosseini, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Chef der Düsseldorfer Praxisklinik „Kö Aesthetics“, eine alltägliche Situation. Als „Dienstleister im Sinne der Schönheit“ bessert er dort nach, wo sich vermeintliche Makel nicht anders beheben lassen, etwa durch Sport oder Diäten. Durch Sport könne man zwar das Gesäß trainieren, nicht aber die Nase verkleinern oder die Brust wachsen lassen. „Und wenn alles nicht hilft, kommen die Patienten eben zu uns.“

Waren Schönheitsoperationen früher ein Tabuthema, wird der Umgang damit heute zusehends lockerer. Laut einer Statistik der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) ist ihre Zahl mit 77.485 gemeldeten Eingriffen im Jahre 2018 um neun Prozent gestiegen. Während Frauen minimalinvasive Behandlungen bevorzugen, entscheiden sich Männer eher für chirurgische Eingriffe – diese haben sich im Vorjahresvergleich mehr als verdoppelt (8.621 OPs gegenüber 4.083 in 2017). Auf Platz eins bei den Herren steht die Oberlidstraffung, gefolgt von der Fettabsaugung. Häufigste Operation bei Frauen: die Brustvergrößerung.

In einer Zeit, in der sich Menschen permanent fotografieren, zur Schau stellen und gegenseitig bewerten, steigt der Druck nach einem attraktiven Äußeren. „Wir sind eine Selfie-Gesellschaft“, konstatiert der Arzt Massud Hosseini. Das erhöht die Nachfrage nach Schönheitsoperationen vor allem bei jungen Erwachsenen, die oft ihr digital bearbeitetes Ich zum Vorbild erheben. Hinzu kommt in unserer leistungsorientierten Gesellschaft der verschärfte Wettbewerb um berufliche Positionen. Ein hübsches Gesicht auf dem Bewerbungsfoto kann über Top oder Flop entscheiden: „Seien wir ehrlich“, sagt Hosseini, „man schaut sich zuerst das Bild an und liest dann die Qualifikationen.“

Im vergangenen Herbst brachte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ein Werbeverbot für Schönheits-OPs in Spiel, die sich gezielt an Jugendliche richten. Hält dies für eine sinnvolle Maßnahme? Nein, sagt Hosseini, denn kein seriöser plastischer Chirurg würde Eingriffe ohne medizinische Indikation bei Minderjährigen vornehmen. Auch bei Erwachsenen sei nicht alles klinisch machbar oder ethisch vertretbar. Viele hätten unrealistische Erwartungen, andere könnten die Risiken des Eingriffs nicht abschätzen. „Wir lehnen circa 30 Prozent der Patienten ab.“

Plastischer Chirurg ist eine geschützte Berufsbezeichnung, für die man eine siebenjährige Ausbildung absolvieren muss, die u. a. Kenntnisse in der rekonstruktiven Chirurgie vermittelt. Nicht geschützt hingegen ist die Bezeichnung Schönheitschirurg – mit Erhalt der Approbation darf ein Arzt operieren, was er will, sei er nun Gynäkologe, Kinder- oder Augenarzt. Da Schönheitschirurgie ein lukratives Geschäft ist, tummeln sich auf dem Markt entsprechend schwarze Schafe. Dem Kunden als Laie erschließt sich der Unterschied nicht. Massud Hosseini sieht hier eine Gesetzeslücke: „Der Gesetzgeber müsste verbieten, dass fachfremde Kollegen kosmetische Operationen anbieten.“ 2018 und 2019 starben in einer Düsseldorfer Schönheitsklinik zwei Frauen infolge einer Po-Vergrößerung – der Operateur war Internist.

Der „Brazilian Butt Lift“, die Po-Vergrößerung mittels Eigenfetttransplantation, ist der aktuelle Trend unter den Beauty-OPs – und ein extrem gefährlicher: Das Letalitätsrisiko liegt bei 1:3000. War früher ein großer Busen das Ideal, ist es heute ein ausladender Hintern à la Kim Kardashian. „Die neue Brust ist der große Popo“, so Massud Hosseini. Wer sich hierfür unters Messer legt, will Aufmerksamkeit erregen, den meisten Patienten jedoch geht es ums genaue Gegenteil. „Wir wollen ja eigentlich nicht auffallen in der Masse. Jeder, der sich einer Schönheitsoperation unterzieht, hat am Ende den Wunsch, harmonisch zu wirken und mit sich selbst im Reinen zu sein.“ Top-Seller sind daher Behandlungen mit Hyaluron und Botox, um Falten zu lindern und zornige oder miesepetrige wirkende Gesichtsausdrücke zu kaschieren. „Seriöse plastische Chirurgie macht Menschen harmonischer“, sagt Hosseini. „Wenn keiner merkt, dass etwas gemacht wurde, ist der Eingriff gelungen.“