Interview mit Ärzte-Drummer Bela B

Pakt der Glücklichen : Bela B im Interview

Bela B alias Dirk Albert Felsenheimer ist nicht nur der singende Schlagzeuger der Band Die Ärzte, er ist auch ein gefragter Schauspieler, der Filme mit hohem Trashfaktor liebt. Mit "Scharnow" legt der 56-jährige Tausendsassa sein Romandebüt vor, ein skurriler Genre-Mix aus Märchen, Fantasy, Horrorroman, Satire, Komödie und "Twin Peaks".

Beim Interview in Hamburg sitzt Bela B Felsenheimer mit blond gefärbten Haaren, Jeansjacke und modischem Hut in einem fensterlosen Konferenzraum und erzählt gelöst von Verschwörungstheorien, Horror-Pornos und dem Comeback der Ärzte. Sein Körper und Geist scheinen in Topform zu sein

Bela B, Ihr Roman "Scharnow" spielt 2014 in einem fiktiven Dorf in Brandenburg unweit der Kreisstadt Sahsenheim. Was verbinden Sie mit dieser Region?

Die Geschichte spielt im Umland von Berlin, meinem Geburtsort. Ich wollte, dass diese Stadt als Verheißung und gleichzeitig als Moloch am Horizont steht. In meinem Roman wird die Schwester von Barack Obamas Hund Bo Opfer eines Anschlags. Der orangene Typ sollte nicht auch noch in meinem ersten Buch präsent sein. Ich will nichts mehr über ihn lesen, weil es nervt. Und 2014 ist das Jahr vor der ganz großen Geflüchtetenwelle. Viele meiner Figuren würden ab da wahrscheinlich etwas anders agieren.

Das Buch "Horror Vacui" spielt in dem Roman eine rätselhafte Rolle. Es lebt, und an seinen Kanten befinden sich getrocknete Blutflecken. Aus welchem Horrorfilm haben Sie diese Idee entliehen?

Natürlich habe ich H.P. Lovecrafts "History of the Necronomicon" gelesen, aber in meinem Roman ist das Buch ein Vehikel einer ominösen Macht. Es wird als Attentäter geschickt, führt aber ein Eigenleben. Ursprünglich war "Horror Vacui" als Kurzgeschichtenanthologie gedacht, aber dann habe ich mich dazu entschlossen, die Geschichten gleichzeitig in einem Roman passieren zu lassen. Auf meiner Lesereise werde ich sogar ein paar rausgeschmissene Extrakapitel lesen.

Der "Bund skeptischer Bürger" (BsB) ist eine Wohngemeinschaft von Verschwörungstheoretikern. Kennen Sie solche Leute aus eigener Anschauung?

Ich kann sogar ein bisschen von mir sprechen. Früher galt ich als der Horrortyp von den Ärzten. In Zeiten, als ich bewusstseinserweiternden Substanzen gegenüber sehr offen war, wollte ich an Werwölfe und Vampire glauben. Und als Kind habe ich Erich von Däniken gelesen und wollte ihm glauben. Aber er hatte sich einfach nur ausgedacht, dass die Aztekentempel von Außerirdischen gebaut wurden. Man kann sich dazu entschließen, das zu glauben. Das hat den Mann sehr reich gemacht. Wir haben auch schon eine Domain gefüttert, die in meinem Buch vorkommt. Schaun wir mal, was jetzt passiert.

Sie scheinen eine überbordende Fantasie zu haben. Lebten Sie während des Schreibens in einer eigenen Traumwelt?

Jein. Ich war schon immer offen für meine Umwelt. Aber die Figuren fingen mit der Zeit an, ein Eigenleben zu führen und haben die Geschichte weitergeführt. Ich hatte in der Zeit sehr viele fiktive Freunde. (lacht) Gegen Ende des ersten Teils überschlagen sich die Ereignisse und die Kapitel werden immer kürzer. Einer der Erstleser meinte, das Buch sei cliffhangersüchtig. Das fasse ich nicht als Beleidigung auf.

Sie haben das Buch sehr filmisch geschrieben. Streben Sie eine Verfilmung an?

Ich habe schon mal ein Drebuch geschrieben und viele Drehbücher gelesen. Das war meine Schule.

Welche der vielen Romanfiguren würden Sie spielen wollen?

Vielleicht Jan-Uwe vom BsB oder einen vom Pakt der Glücklichen. Ich liebe eigentlich alle meine Figuren, auch die kleinen. Zarmo zum Beispiel ist ein Waffennarr, der eine sexuelle Obsession für seine Waffen hegt.

Der Pakt der Glücklichen schaut gerne billige Horrorfilme wie "Porno Holocaust" auf VHS. Wie oft haben Sie sich diesen Streifen angeschaut?

Ich habe die italienische Fassung ohne Untertitel in den 90ern als VHS-Kassette geschenkt bekommen. Es war wirklich nicht zu ertragen! Aber der Film ließ mich aufgrund seiner Sinnlosigkeit nicht los. Warum macht jemand so etwas legendär Schlechtes? In dem Buch beschreibe ich ihn noch als Horrorfilm mit Pornoeinlagen, aber inzwischen habe ich mir die DVD besorgt - was nicht einfach war - , weil der Film jetzt "Orgasmo Nero II" heißt und niemand ihn kannte. Dann musste ich feststellen, dass es in Wahrheit ein Pornofilm mit Horroreinlagen ist!

Sie verwenden immer wieder Splatter-Elemente. Liegt im Grauen auch eine Ästhetik?

Ja, es hat eine gewisse Ästhetik. Manche Horrorfilme können von den Kamerafahrten her maximal mit Urlaubsfilmchen konkurrieren, von der Schauspielkunst ganz zu schweigen. Das Schöne bei "Porno Holocaust" ist, dass neben den Pornodarstellern auch Profischauspieler mitwirken. Da wird eine Gruppe von Menschen auf einer Insel dezimiert, aber alle zehn Minuten denken sie ans Pimpern! Aus der Warte wird der Streifen zu einem Partyfilm. Der Pakt der Glücklichen empfindet "Porno Holocaust" jedoch als Kunstwerk.

Die Toten finden sich bei Ihnen in einer dunklen, diffusen Welt wieder. Und mit etwas Glück landen Sie auf einem "Seelenparkplatz". Glauben Sie an Wiedergeburt?

Wiedergeburt ist ein tröstlicher Gedanke. Ich erinnere mich an ein ernsthaftes Gespräch aus meiner Jugend in Spandau mit einem Hippie. Er hatte ganz krude Theorien über Wiedergeburt. Wenn man schon an die Weltverschwörung glaubt, warum dann nicht auch an Wiedergeburt? In Scharnow ist wirklich alles möglich!

Gibt es eine Lieblingsverschwörungstheorie?

Auf LSD habe ich mir mal etwas mit Duftsteinen ausgedacht. Sie sind durch Urin ständig menschlicher DNA ausgesetzt und entwickeln irgendwann ein Eigenleben. Das fußt auf meiner drogengeschwängerten Phantasie! Ganz toll ist der Film "Bubba Ho-Tep". Darin tauscht Elvis seine Identität mit einem Impersonator. Eines Tages fällt er von der Bühne und endet mittellos in einem Siechheim von Verrückten.

Haben Sie eigentlich selbst mal in einer WG gewohnt?

Ich habe mal mit Farin Urlaub zusammengewohnt. Ist das schon eine WG? So intim, wie der Pakt der Glücklichen zusammenlebt, war es bei uns aber nicht. Aber die Küche war ein Hort unheiligen Lebens. Hätte ich nicht alles Geschirr in eine Badewanne geworfen, hätten wir sie zumauern müssen.

Rex Gildos "Fiesta Mexicana" bildet den Soundtrack der Geschichte. Welche geheimen Kräfte besitzt dieser Schlager?

Es ist die einzige Musik in dem Buch. Sehr seltsam für ein Mitglied der Ärzte! Wie es dazu kam, kann ich mir selber nicht erklären. In meiner Jugend in Spandau war ich zwölf Monate Lagerarbeiter in einem Supermarkt. Dort habe ich meine spätere Band Soilent Grün kennengelernt. In Supermärkten läuft ja immer Muzak. Deswegen war klar, dass "Fiesta Mexicana" in mein Buch rein muss. Es ist wie ein Omen: Immer wenn "Fiesta Mexicana" läuft, ahnt der Leser, dass gleich etwas Schlimmes passiert.

Haben Sie beim Schreiben Musik gehört?

Ich habe einen Tinnitus, aber so ganz geräuschlos wollte ich nicht schreiben. Eine Zeit lang habe ich im Hintergrund düsteren ruhigen Metal laufen lassen. Das funktionierte ganz gut. In Spanien habe ich beim Schreiben aber nur Meeresrauschen gehört.

Wie lebt es sich mit einem Tinnitus?

Früher habe ich ihn gar nicht so sehr wahrgenommen. Tinnitus ist ein Musikerschicksal. Es ist anstrengend, aber ich lebe damit schon sehr lange. Früher habe ich immer eine Geräuschkulisse gemacht, wenn ich in ein Hotelzimmer kam. Aber jetzt komme ich damit klar. Wenn ich den Tinnitus ausmachen will, muss ich etwas anderes anmachen, wie Roky Erickson.

Ihr Buch ist ein Genre-Mix aus Märchen, Fantasy, Horrorroman, Satire, Komödie, Twin Peaks, Salmon Rushdie. Ist es trotz der phantastischen Elemente auch ein Sittenbild der Gesellschaft?

Ja, das Buch hat natürlich einen Bezug zur Gegenwart. Da sind Leute, die am Leben verzweifeln und irgendwie einen Halt in Verschwörungstheorien finden. Das sind alles vorstellbare Schicksale. Dem gegenüber steht die Romantisierung des Vergangenen. Alle Autos im Buch sind zum Beispiel Schrottkarren, in die die Besitzer sehr viel Schönes hineininterpretieren. Die Figuren sehnen sich nach der Substanz des Früheren.

Was wäre, wenn Sie die Möglichkeit hätten, auf eine Zeitreise zu gehen?

Ich würde mich für London in den 60er Jahren entscheiden. Damals begann ein neues Kunstverständnis. Die Outfits waren toll, siehe Emma Peel. Die Schauspielerin Dame Diana Rigg ist eines meiner Schönheitsideale. Aber auch die Zeit von Oscar Wilde oder Mary Shelley hätte ich gern miterlebt. Und wenn ich den Punk bereits 1977 mitgekriegt hätte, wäre für mich vielleicht alles noch krasser gewesen.

Die neue CD-Box "They 've Given Me Schrott! — Die Outtakes" von Die Ärzte enthält ein bislang unveröffentlichtes englisches Punkalbum. Warum haben Sie diese Platte 30 Jahre lang zurückgehalten?

Es sind überwiegend Ärzte-Songs aus dieser Zeit, für die wir englische Texte geschrieben haben. Darunter "Love And Pain", die Originalversion von "Liebe und Schmerz". "Schrei nach Liebe" war auf der Scheibe aber auf Deutsch drauf. Mit Hilfe dieser Platte wollten wir mehr im Ausland touren, haben dann aber beschlossen, sie doch nicht zu veröffentlichen. Es war die Einsicht, dass man die Ärzte doch eher mit der deutschen Sprache verbindet.

Die Ärzte kehren 2019 zurück auf die Bühne. Wie fühlt sich das an?

Was Proben angeht, sind wir nicht die fleißigste Band. Aber wir haben uns jetzt schon einige Male getroffen. Die Stimmung untereinander ist super. Wir haben sogar ein bisschen zusammen geschrieben. Jeder ist sehr bedacht auf den anderen. Der Pakt der Glücklichen!

Wie schlimm war die Bandkrise wirklich?

Es gehört zu einer Band dazu, dass sie auch mal eine Krise durchmacht. Seitdem haben wir ein bisschen Abstand voneinander genommen, aber darauf geachtet, dass wir uns jedes Jahr treffen. Irgendwann hatte ich einen Auftritt in Jamel und die anderen gefragt, ob sie für ein Lied mit auf die Bühne kommen. Sie sagten sofort ja. Es gibt Bands, deren Mitglieder auf Tour in verschiedenen Hotels wohnen. Das hat es bei uns nie gegeben. Wir fahren immer gemeinsam in einem Bus und würden noch jeden Infantilitätswettbewerb gewinnen! Also Entwarnung!

Bela B Felsenheimers Roman "Scharnow" (Roman) erscheint am 25. Februar bei Heyne Hardcore.


Zur Person

Bela B wird 1962 in Berlin-Spandau als Dirk Albert Felsenheimer geboren. 1980 gründet der Sänger, Schlagzeuger und Gitarrist die Punkband Soilent Grün, zu der 1981 der Sänger und Gitarrist Farin Urlaub alias Jan Vetter hinzustößt. Im Herbst 1981 gründen die beiden die experimentierfreudige Punk-Pop-Band Die Ärzte. Bis heute hat das Trio zwölf Studioalben veröffentlicht, rund 800 Konzerte gespielt und mit satirischen Songs wie "Geschwisterliebe" immer wieder für Aufsehen gesorgt. Von Bela B sind bis heute vier Soloalben erschienen. Er ist zudem Synchronsprecher, Schauspieler und Drehbuch-Autor. "Scharnow" ist sein erster Roman. Er unterstützt die Initiativen "Kein Bock auf Nazis", die "Amadeu Antonio Stiftung" und die Tierrechteorganisation PeTA. Bela B lebt mit seiner Lebensgefährtin Konstanze Habermann und dem gemeinsamen Sohn in Hamburg

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