1. Düsseldorf

Echte Fälle: Die Mörder von nebenan

Echte Fälle: Die Mörder von nebenan

Der bekannte Düsseldorfer Strafverteidiger Nicolai F. Mameghani hat ein Buch geschrieben: "Tötungssachen - Echte Fälle". Darin schildert er grausige Taten von Mördern und Totschlägern, die er vor Gericht verteidigt hat.

Einige waren vorher nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, was Mameghani vermuten lässt: "Ein schlechter Tag, und der Mensch von nebenan wird zum Mörder."

Foto: Mameghani

Er sei stets ein sehr freundlicher und zuvorkommender Fahrer und Bodyguard gewesen, sagte Verona Pooth nach der Verhaftung ihres Leibwächters. Wie konnte er zu einem grausamen Verbrecher mutieren, der seiner Ehefrau nach der Tötung zu allem Überfluss mit einer Rosenschere die Finger abtrennte? Das fragte sich auch sein Strafverteidiger Nicolai F. Mameghani. "Vor dieser abscheulichen Tat ist der Mann polizeilich nie in Erscheinung getreten. Er war 39 Jahre alt".

Aber: "Mein Mandant betrieb seit seinem 18. Lebensjahr erheblichen Missbrauch von Betäubungsmitteln und Alkohol." Ohne die Einnahme des angstlösenden und muskelentspannenden Psychopharmakons Lorazepam konnte er nicht mehr einschlafen. Wegen der Sucht schnauzte ihn seine Frau immer öfter an. "Am 23. August 2015, einem Sonntag, kam es im Anschluss an ein gemeinsames Frühstück in der ehelichen Wohnung in Düsseldorf mal wieder zu einem Streit - es sollte der letzte sein." Der Mann verlor die Geduld, zerdrückte mehrere Beruhigungstabletten und mischte sie in den Kaffee seiner Frau. Die schlief zunächst ein, als sie aber aufwachte, drückte er ihre Halsschlagader zu, schob drei Kabelbinder ineinander und erdrosselte sie mit der Schlinge. Neun Fälle schildert Nicolai F. Mameghani in seinem Buch — einer grausamer als der andere.

Was der Strafverteidiger sagt über Moral, Tabus und seine Familie erfuhren wir im Telefon-Interview.

Nicolai F. Mameghani über die Entwicklung der Gewalt in den letzten 20 Jahren:
Die Gesellschaft verroht zunehmend. Die Alt-Hools, die Alt-Hooligans, die meine Mandanten waren, sagen: Früher war das anders, man hat sich getroffen, sich vor die Birne gekloppt, und wenn einer lag, hat man ihn liegengelassen. Heute tritt man noch nach. Keine Ahnung, woran das liegt, an Computerspielen oder dass man denkt, man muss sich besonders hervortun, um in der Gruppe besser dazustehen, ich weiß es nicht.

Über die Verteidigung des Bösen:
Da bin ich ganz entspannt: ich habe in unserer Rechtsprechung den Part, Entlastendes für meinen Mandaten zu finden - und wenn sich der wohl verteidigt fühlt, haben wir unsere Arbeit gut erledigt.

Über Mandate:
Ich lehne eigentlich nie Mandate ab. Was ich ungern mache: Rechtsgerichtete Gewalttäter verteidigen. Aber wir haben ins unserer Kanzlei einen jüdischen Namen und einen "Kanakennamen", also meinen, da kommen nicht so viele Anfragen.

Über die Idee zum Buch:
Der Gedanke selber ist spontan erfolgt. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wann und wie konkret dieser aufkam. Es war etwa 2013. Das Schreiben selbst hat längere Zeit in Anspruch genommen, weil ich mich aus zeitlichen Gründen nur phasenweise damit beschäftigen konnte.

Über die Resonanz:
Bisher waren alle Reaktionen positiv, auch die von Kollegen.

Das Buch als Therapie:
Ganz klar nein. Die Veröffentlichung ist keine Art der Verarbeitung, sondern lediglich rein informativ.

Über Familie und Motivation:
In unserer Familie sind eigentlich alle Mediziner. Ich bin der erste, der da aus der Art schlägt. Was uns verbindet, ist, dass wir helfen wollen. Weil, das Schlimmste, das Allerschlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist Ungerechtigkeit. Stellen Sie sich vor, es klopft jetzt bei Ihnen an der Bürotür, ein Polizist kommt herein und fragt: Wo waren Sie gestern um 23 Uhr? Sie sagen: Im Bett und er: Haben Sie Zeugen, nein? Dann kommen Sie mit. Man wirft Ihnen etwas Scheußliches vor, vielleicht sogar Mord, Sie werden zu Unrecht belastet und dann sogar verurteilt.... — das treibt mich an, da jeden Tag mitzumachen.