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Düsseldorf: Kabawil bietet Menschen über Kulturarbeit neue Perspektiven

Gemeinsam integrativ kreativ : Perspektiven durch Kultur

Der Düsseldorfer Verein Kabawil wurde 2003 als gemeinnütziger Verein gegründet und will im Kontext von "art and belonging", Kunst und Zusammengehörigkeit, Menschen über Kulturarbeit und die gemeinsame Erschaffung kultureller Produktionen neue Perspektiven bieten.

Ein internationales Künstlerteam, Pädagogen und Kulturmanager verhelfen zu einer gemeinsamen Arbeits- und Ausdrucksweise. jetzt! Düsseldorfer Anzeiger am Wochenende sprach mit Initiatorin und Leiterin Petra Kron.

Frau Kron, vor 15 Jahren gründeten Sie den Verein Kabawil gemeinsam mit dem Tänzer Othello Jones. Was war einst der Auslöser dafür?
Ich arbeitete damals als Kunsterzieherin in einem Projekt für Extremschwänzer, letztlich arbeitete ich also mit Menschen, die ganz besondere Bedürfnisse haben. Ich merkte damals, dass diese Menschen in ihrer gesamten Körperlichkeit erstarrt sind — eigentlich haben sie ihr gesamtes Leben auf "Pause" gestellt. Manche von ihnen kamen nicht mehr aus ihrem Viertel, andere nicht mal mehr aus dem Haus. Auch Scham spielte dabei eine große Rolle, weil sie wussten, dass sie durchs Raster gefallen waren, im gesellschaftlichen Sinne versagt hatten. Dann fiel mir ein, dass möglicherweise Tanz etwas für diese Menschen wäre. Ich selbst tanze seit 40 Jahren und suchte schließlich nach einem Tänzer, der mit mir gemeinsam unterrichten würde. Gemeinsam mit Othello Jones waren wir schließlich sehr erfolgreich, die Menschen kamen sprichwörtlich wieder in Bewegung.

Sie stellten damals einen Förderantrag bei der "Aktion Mensch" und erhielten erstmals Förderung. Wie ging es weiter?
Nun, seitdem konnten wir unter anderem dreizehn große Tanztheaterproduktionen realisieren. Während wir dafür zunächst mit jungen Menschen zwischen 12 und 20 Jahren arbeiteten, hoben wir später aus rechtlichen Gründen das Alter für die großen Produktionen auf 16 Jahre an. Tänzer dieses Alters dürfen abends einfach länger auf der Bühne stehen. Schnell hat sich dann das Angebot des Vereins erweitert. Neben Tanz boten wir auch Musik und Theater an, mittlerweile ist es zudem Kreatives Schreiben, Songwriting, Gestalten und Bühnenbildgestaltung sowie visuelle Workshops in Fotografie und Bauen für Kinder. Es geht dabei immer um die Menschen, mit denen wir arbeiten.

Sie arbeiten mit sehr unterschiedlichen Menschen. Wer nutzt Ihre Angebote?
Unsere Arbeit erreicht Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Das sind Geflüchtete wie Senioren, Menschen in Untersuchungshaft oder reine Frauenprojekte. Wir bieten Ferienangebote für Kinder von acht bis zwölf Jahren an und haben auch eine Family-Band, die aus geflüchteten Musikern entstanden ist. Seit zehn Jahren gibt es zudem ein internationales Projekt mit dem Titel "Framewalk". Darin besuchen semiprofessionelle Künstler jeweils ein Partnerland, häufig eines in Afrika. Und auch dortige Künstler kommen zum Gegenbesuch zu uns. Ein echter Austausch also. Und wir bieten Schulprojekte an. Gerne arbeiten wir mit Förderschulen, aber auch mit Gymnasien und Gesamtschulen. Mittlerweile bieten wir sogar Fortbildungen für städtische Mitarbeiter der Jugendarbeit an.

Das alles geschieht in Ihren Räumen im Innenhof an der Flurstraße 11.
Dort arbeiten wir seit mittlerweile zehn Jahren und haben seit gut drei Jahren auch einen starken Bezug zum Stadtteil Flingern entwickelt. Wir sehen uns auch dort als Brückenbauer und versuchen, Menschen zusammen zu bringen. Nicht zuletzt dort wollen wir auch ein klares Zeichen gegen den mittlerweile offensichtlich erneut gesellschaftsfähigen Rechtsruck setzen. Wir wollen dort fremden Menschen einen Ort bieten, wo sie willkommen sind, sich wohlfühlen und dort auch auf Deutsche treffen. Wir suchen also auch dort die Begegnung und den Austausch.

Sie bezeichnen Ihr Konzept auch als beziehungsorientierte Kulturarbeit.
Das Hauptziel unserer Arbeit ist, Menschen zusammenzubringen. Über die künstlerische Auseinandersetzung zu einem Thema und das gemeinsame Erarbeiten und Schaffen einer Produktion, egal ob Bühnenproduktion oder Ausstellung, entsteht bei uns ein Miteinander, eine Gemeinsamkeit.

Sie arbeiten stets mit professionellen Künstlern aus den unterschiedlichsten Kunstdisziplinen. Mit weltweit gefragten Tänzern etwa und mit bekannten Musikern. Auch der Düsseldorfer Musiker Thomas Klein, unter anderem bekannt durch seine Band Kreidler, arbeitet für Ihren Verein.
Das ist uns sehr wichtig. Durch die Hochwertigkeit der Künstler ist auch das in den Workshops erzielte Niveau stets sehr hoch. Selbst in den Kinderprojekten ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit gestalterisch sehr hochwertige Ergebnisse erzielt werden.

Sie besitzen kaum Planungssicherheit, alle Ihre Projekte werden über ein Budget realisiert.
Wir haben keine feste institutionelle Förderung und müssen für fast alle Projekte Förderanträge schreiben. Es gibt daher bei uns keine Angestellten, keine Sicherheiten, sehr viel ehrenamtliche Arbeit. Nach fünfzehnjähriger Arbeit bedaure ich das sehr. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass wir in eine minimale finanzielle Sicherheit kämen, damit Kabawil für die Zukunft eine Basis hat.

Kabawil, Flurstr. 11, Düsseldorf