Rohr für Rohr aus der Hitze der Glut

Rohr für Rohr aus der Hitze der Glut

Unglaublich! Niemand, der nicht selbst bis auf ein paar Meter an die Glut herangekommen ist, kann fühlen, was im Vallourec-Werk in Rath, den früheren Mannesmann-Röhrenwerken, wirklich vor sich geht.

Gewaltige Maschinen erzeugen Rohre ohne Naht — ein frühindustriell anmutender Produktionsprozess, mit kühler Ingenieurs- und Facharbeit auf den technisch modernsten Punkt gebracht, an die Weltspitze!

Mit Helm, Schutzbrille und voller Vorfreude: Der Förderkreis Industriepfad (www.industriekultur-duesseldorf.de) hat eine Besichtigungstour durch den Düsseldorfer Standort in Rath von Vallourec Deutschland ermöglicht, bei der die Teilnehmer hautnah erleben konnten, wie Rohre nahtlos gewalzt werden. Foto: schrö

Die Kran-Katze hebt mit den beiden Magneten am Seilzug einen Rundstahlblock vom Boden. Hunderte, Tausende dieser Stahlstangen warten auf dem Gelände an der Theodorstraße auf ihren Einsatz. Der muss sich irgendwo in einer dieser Hunderte von Metern langen Hallen abspielen, denn von dort weht immer wieder ein dumpfes Dröhnen und Poltern herüber. Draußen beginnt es zu nieseln.

Drinnen, in der "Sto", der Stopfenstraße, zieht es, die Rolltore sind zum Teil offen. Manche schlagen den Kragen hoch; aber uns wird noch warm werden. Ein Moment lang ist es plötzlich ruhig, wie vor einem klassischen Konzert, dann hören wir das, weshalb wir da sind: Das Nahtlos-Rohrwalzen, eine epochale Erfindung, die hier in Rath immer und immer wieder zur Perfektion getrieben wurde.

Der Stahlstab ruckelt aus dem Dunkel über eine gewundene Rollenstraße. Er wirkt kalt, ist aber trotz seiner anthrazitfarbenen Oberfläche schon im Vorwärmofen gewesen. Am Ende des Transportbandes gleitet eine Luke nach oben, der Greifer schnappt sich den Stahl und führt ihn ins Feuer. Die Besucher starren auf den Drehherd-Ofen und halten den Atem an. Die Klappe fährt herunter, während nebenan eine weitere Öffnung den Blick auf die Glut freigibt und ein anderer, jetzt knapp 1300 Grad heißer Rundstahl herausgegriffen wird. Der geht auf die Reise zu monumentalen Schrägwalzen, die anfangen, sich zu drehen — mit einem tiefen Grummeln. Die Umgebung erzittert. Der Stahl reißt an seiner Spitze auf, ein Dorn fährt längs durch das Material und macht ihn zu einem Hohlblock, seine Länge hat sich vervielfacht.

Wo sind hier Menschen? Niemand zu sehen. Zwischen all den Antrieben, Absperrungen und Aufgängen ahnt man eine kleine Kontrollstation, aber erst auf dem Weg zum Stopfengerüst, dem der Produktionsprozess seinen Namen verdankt, erblickt der Besucher hier und da Spezialisten, die die Prozedur überwachen.

Gerade trifft einer der Hohlblöcke aus dem Schrägwalzwerk ein. Mit einer unerhört schnellen Bewegung wird er auf dem Stopfengerüst nach vorn katapultiert. Alle spüren jetzt die Hitze, doch niemand weicht zurück, denn das hier ist der vorläufige Höhepunkt des Nahtloswalzens. Ein Rohr entsteht, doppelt so lang wie der Block. Es rast zurück und wird erneut nach vorn geschossen. Das Tempo ist so hoch, dass das ungeübte Auge sich erklären lassen muss: Das Kaliber und der Stopfen auf einer Stange bilden auf dem Gerüst einen Ringspalt, Walzen bringen den Hohlblock auf die angestrebte Wanddicke, der Stahl fährt zurück, wird um 90 Grad gedreht und der Vorgang wiederholt. Der Besucher bekommt den Mund nicht zu, doch das Rohr wandert schon weiter, zunächst dem Glätt- und dann dem Maßwalzwerk entgegen. So brachial die Stiche auf dem Stopfengerüst, so ruhig, unspektakulär und genau so wichtig spielt sich nach dem Maßwalzen die Vergütung ab. Bis zu 16 Zoll große Rohre werden nun an den Enden bearbeitet, gewogen, gemessen, geprüft, mit einer 360-Grad-Ultraschallanlage, drei Jahre lang mit General Electric selbst entwickelt, die modernste Einrichtung weltweit.

Jedes Rohr erhält seinen Namen, der Käufer und vielleicht Betreiber eines Tiefsee-Öl-Bohr-Projekts will jederzeit wissen: Wer hat dieses Teil wann gefertigt und wie ist seine Beschaffenheit?

Mit den Rohren werden nicht nur Öl und Gas gefördert, auch die Architekten von Fußball-Stadien und Industrie-Hallen bauen auf die Rather Erzeugnisse; manchmal sind sie in eine Viereck-Form gebracht worden, im vergangenen Jahr sogar in eine Sechseck-Form. Wer den Besuchern das Röhren-Universum mit schlafwandlerischer Sachkenntnis nahe bringt? Peter Kemper, 69, Ingenieur, von 1973 bis 2011 Verfahrenstechniker im Werk.

Vor dem Rundgang hatte Dr. Ulrich Menne, 56, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Vallourec Deutschland, die Gäste begrüßt, die Geschichte des Standorts durchstreift und am Ende bekannt: "Das glühende Eisen fasziniert mich immer noch." Nach der Besichtigung können alle Gäste dieses innere Vibrieren verstehen.

(City Anzeigenblatt Duesseldorf)