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Palliative Versorgung in Düsseldorf
„Man muss sich dafür entscheiden“

Palliative Versorgung in Düsseldorf: „Man muss sich dafür entscheiden“
Dipl.-Berufs-Pädagogin Monika Schult (l.) und Dipl.-Pflegewissenschaftlerin Dagmar Kampendonk von der Kaiserswerther Diakonie - „Da lag er dann und der Alltag ging weiter.“ FOTO: Stefan Pucks
Die Behandlung und Begleitung schwerstkranker und sterbender Patienten erfordert optimale Zusammenarbeit aller beteiligten Berufszweige. So genannte "palliative care"-Weiterbildungen können dabei ein Schlüssel für weitere Verbesserungen in der Versorgung sein. Monika Schult und Dagmar Kampendonk von der Kaiserswerther Diakonie erzählen im Interview über Herausforderungen und Chancen bei der Weiterbildung in ihrem Haus. Von Stefan Pucks

Wie alt oder jung ist ihr Angebot der palliativen Weiterbildung?
Dagmar Kampendonk: "Palliative care" ist bei uns schon lange Thema, mindestens seit zehn Jahren. Allerdings vom Start weg nicht in den Formen, wie wir das aktuell anbieten. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Herausforderungen und Ansprüche auf dem Gebiet ändern und wir bei den Fortbildungen Anpassungen vornehmen.

In der Einleitung zu ihrer Ausbildungsbeschreibung betonen sie, dass die Betreuung Sterbender und deren Angehöriger eine der großen Herausforderungen für die Gesundheitssysteme westlicher Gesellschaften sind. Warum?
Monika Schult: Es gibt Berührungsängste zum Thema Sterben und Tod in der Gesellschaft. Wir haben das ein bisschen verlernt. In Zeiten unserer Großeltern starb man in der Regel zu Hause, der Leichnam blieb auch einige Zeit dort aufgebahrt, man konnte sich verabschieden. Diese Rituale sind nur noch in absoluten Einzelfällen üblich.

Dabei betrifft die Sterbebetreuung eine Vielzahl von Berufsgruppen...
Monika Schult: Ja fast alle Menschen, die in Einrichtungen des Gesundheitswesen arbeiten. Die große Gruppe der Pflegekräfte, dazu aber auch Ärzte, Therapeuten, Physiotherapeuten, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Seelsorger. Deshalb hat der Gesetzgeber gesagt: wenn man in diesen Bereichen arbeitet, braucht man auch eine entsprechende Qualifikation. Deshalb gibt es diese "palliative care"-Weiterbildung. Die ist weitgehend genormt, ein Curriculum, also ein Konzept zu Inhalten und Zielen, hinterlegt. Das bedeutet 160 Stunden etwa für die "große Variante" von der deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. Die ist in Modulen aufgebaut. Die Inhalte sollte eine Pflegekraft, ein Sozialarbeiter oder ein Arzt auch wissen und mit in die Praxis nehmen können.

Dagmar Kampendonk: Ich möchte ergänzen - als ich 1970 meine Ausbildung als Schwesterschülerin begonnen habe, war es in den Krankenhäusern so, dass ein Verstorbener in ein Sterbezimmer kam. Das war nicht selten ein Pflegearbeitsraum. Da lag er dann. Im Grunde genommen ging der Alltag weiter und es war unüblich, dass jemand bei dem Toten blieb. Es war entwürdigend und furchtbar für die Angehörigen. Und es war auch für mich als Lernende schlimm, man fühlte sich hilflos. Alles galt dem Leben, aber das Sterben hat - auch im Unterricht - kaum eine Rolle gespielt. Es sollte wieder ein Stück Kultur werden, dass wir Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten und auch im Tod nicht alleine lassen.

 

Ist denn die palliative Versorgung inzwischen auf einem guten Weg?
Monika Schult: Es hat sich deutlich verbessert, weil es einen Fokus in den Alten- und Pflegeeinrichtungen bekommen hat. Es gibt immer mehr Fachkräfte, die für das Thema zuständig sind und in den Teams auch als Multiplikatoren dienen. Aber klar, es ist immer Luft nach oben.

 

Klar ist auch, Sterbehilfe und -begleitung beginnen nicht erst im Hospiz, sondern früher. Wo?
Monika Schult: Wir haben in Krankenhäusern in der Regel Palliativstationen, wenn die einen onkologischen Schwerpunkt haben. Nicht jeder Krebspatient kann durch eine Operation, Chemo oder Bestrahlung geheilt werden. Für viele heißt es dagegen Lebensverlängerung durch palliative Versorgung aber auch Steigerung der Lebensqualität, etwa mit vernünftiger Schmerztherapie.

Dagmar Kampendonk: Palliativ bedeutet bewahrend, beschützend. Es handelt sich da mitunter um Erkrankungen, die durchaus noch viele Jahre Leben möglich machen - wenn auch unter besondren Voraussetzungen, etwa mit psychologischer Begleitung auch der Angehörigen. Das hat Auswirkungen auf das familiäre System. Sie findet also auch Zuhause und nicht nur in Institutionen statt. Bis zur Möglichkeit, auch daheim zu sterben, wo dann auch Palliativmediziner zur Stelle sein sollten. Da ist insgesamt ein großes Netzwerk professioneller Betreuung notwendig, in dem die einzelnen Professionen in Kontakt stehen und keine Ressourcen vergeudet werden. Hier sprechen wir von interprofessioneller Schulung.

Wen bilden sie in diesem Kontext wie weiter?
Dagmar Kampendonk: Wir machen berufliche Weiterbildung, das heißt wir arbeiten mit Menschen, die in entsprechenden Jobs wirken. Das Niveau, auf dem das passiert, baut auf einer gewissen Berufsausbildung auf. Neu sind jetzt die so genannte letzten Hilfen, die wirklich finale Begleitung von Sterbenden. Das können auch Angehörige oder Menschen in der Nähe der Sterbenden sein. Wir bilden aktuell Trainer aus, die diese "Helfer", also letztlich die Bevölkerung, wiederum schulen.

Monika Schult: Man geht davon aus, dass in der bereits angesprochenen großen Palliative-Care-Weiterbildung mit einer gewissen Fachsprache agiert wird. Der Level muss bei den Leuten ungefähr gleich sein. Dann haben wir eine 40-Stunden-Weiterbildung, die wir im kommenden Jahr ins Programm nehmen, weil wir den Bedarf sehen. In den Pflegeheimen steht die Fachkraft-Quote bei 50 Prozent, das heißt, die Hälfte sind Pflegehelfer- und -assistenten. Für die gibt es damit ein spezielleres Angebot, bei dem die Art der Vermittlung und Sprache eine andere ist.

Gibt es einen Schwerpunkt bei Ihnen?
Monika Schult: Die Kaiserswerther Seminare haben die klassischen Zielgruppe der Pflegekräfte. Angefangen von der Pflegefachlichkeit über Pflegemanagement und Pflegepädagogik plus das große Feld der systemischen Weiterbildung.

Wie vermitteln Sie in Ihrer Arbeit vielleicht so etwas wie mentales Rüstzeug, um mit den psychischen Belastungen im beruflichen Umgang mit Sterbenden umgehen zu können?
Monika Schult: Wir sind in der Erwachsenenbildung, die Menschen kommen in der Regel freiwillig. Ich denke, wenn ich in einer entsprechenden Einrichtung meine Personalplanung vernünftig mache, dann werde ich auch die Kollegen einsetzen, die dem Thema aufgeschlossen gegenüberstehen. Es sind bestimmte Persönlichkeiten, egal ob aus Medizin oder Pflege, die sich für diese Patientengruppe stark machen möchten. Die sagen: Ich möchte dorthin! Die brennen dafür.

Dagmar Kampendonk: Da wo Menschen palliativ versorgt werden müssen , ist das ganze Umfeld mitverantwortlich. Ob Medizin, Ernährung, Bewegung. Jede Berufsgruppe die sich in diesem Kontext anbietet, muss sich dafür entscheiden. Ich kann als Physiotherapeut auch mit Babys oder Schwangeren arbeiten.

Die palliative Versorgung von Menschen ist - das klang schon an - auch eine politische und gesellschaftliche Aufgabe, nicht nur die des Bildungswesens. Gibt es von Ihrer Seite Forderungen, Wünsche in dieser Hinsicht?
Dagmar Kampendonk: Ganz spontan würde ich sagen: Wir nehmen unsere Aufgabe in diesem Bereich erst einmal grundsätzlich wahr. Wir haben nicht das Gefühl, das da etwas an uns hängen bleibt. Aber es ist auch so, dass gerade in diesem Bereich viel ehrenamtliche Hilfe unterwegs ist. Es könnte also mehr Geld geben, um sich noch viel professioneller aufzustellen

Monika Schult: Das, was bis jetzt passiert ist, ist gut. Doch es könnte natürlich noch mehr sein. Wenn ein Patient erkrankt und Hilfe braucht, dann muss er sofortige Versorgung erhalten. In Düsseldorf funktioniert das recht gut, auf dem platten Land sieht das schon anders aus. Ich wünsche mir von der Politik noch mehr Bekenntnis. Auch, weil der Bedarf in Zukunft weiter steigen wird.

Spielt eigentlich der Glaube, die Religion bei der Motivation für eine Ausbildung bei Ihnen ein Rolle, ist gar eine Voraussetzung?
Monika Schult: Die Motivation kommt eher aus dem beruflichen Kontext und Handeln, auch aus dem persönlichen Erlebnis heraus. Vielleicht gehen Menschen mit besonderer religiöser Affinität eher in die entsprechenden Berufe, das weiß ich nicht. Allerdings - die Mitgliederzahlen in den Kirchen gehen zurück, zunehmend müssen Einrichtungen auf konfessionell gebundene Einstellungs-Voraussetzungen verzichten, weil sie nicht die Möglichkeit haben, auf gute Fachkräfte zu verzichten, nur weil sie das falsche Gesangbuch haben.