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Mode ist das Gegenteil von Ewigkeit
Lasst uns leuchten

Mode ist das Gegenteil von Ewigkeit: Lasst uns leuchten
Mode ist das Gegenteil von Ewigkeit. Vielleicht aber kann man mit dem vermeintlich modischen Aspekt des Tragens einer Signalweste das eigene Leben einige Tage Richtung Ewigkeit verlängern. FOTO: Nicole Gehring
Signalwesten sind kein modisches Accessoire. Das Potenzial dazu haben sie in der dunklen Jahreszeit hingegen allemal. Von Sven-André Dreyer

Vielleicht ist es das Alter, das Menschen leuchten lässt, und die damit einhergehende, im besten Fall irgendwann einsetzende Reife. Damit ist jedoch nicht – nicht dass wir uns missverstehen – dieses besonnene und milde Strahlen im fortgeschrittenen Alter gemeint, dieses weise, gütige Lächeln und Leuchten tief aus dem Inneren, das da irgendwo zwischen Herz und Magen und Seele seinen Ursprung findet.

Gemeint ist hingegen dieses knallige Orange in den tiefen Straßenschluchten unserer Stadt, und das blitzende Gelb mit reflektierenden Streifen, das ich mir nun täglich auf dem Weg zur Arbeit überstreife, um meinen bescheidenen Radlerhintern zu retten, um mich sichtbar zu machen und um jeden Preis aufzufallen. Und das, obwohl ich mich damit jeglichen modischen Konventionen verweigere.

Warnweste über Alltagskleidung, zaghaft flatternd im Fahrtwind, den aufwendigen Prüfverfahren der Europäischen Norm mehr als genügend (das behauptet zumindest der eingenähte Hinweis), stets der Sicherheit verpflichtet, jederzeit reflektierend, orange und gelb.

Denn, ganz ehrlich, damals, als noch junger Verkehrsteilnehmer, bin ich einfach so aufs Rad gestiegen. Schwarz gekleidet und damit nahezu unsichtbar, wenn es morgens noch dunkel war oder der Tag erst gar nicht richtig hell werden wollte vor lauter eintrübendem Winterwetter. Als Radfahrer von der Dunkelheit verschluckt, gedankenlos aus heutiger Sicht, kopflos, waghalsig gar. Jungspund eben.

Irgendwann setzte er dann aber ein, dieser Wunsch nach dem Gesehenwerden, dieser Wunsch nach Sichtbarkeit weit über den eigenen Lenker hinaus, modische Aspekte ignorierend, harsch über Bord werfend, das eigene Radler-Ich der Lächerlichkeit in Orange preisgebend.

Und vielleicht hat es tatsächlich etwas mit dem Alter zu tun, mit dem einsetzenden Bewusstsein der Endlichkeit, die stets leise lächelnd auf meinem Gepäckträger mit mir fährt durch die tiefen Straßenschluchten der Stadt und mir von hinten zuzuflüstern versucht, dass nur der überlebt, der weithin gesehen wird.

"Pass auf dich auf", flüstert die Vernunft, "pass gut auf dich auf und leuchte brav." Die Vernunft also als Schlüssel zum Tragen der Warnweste nach DIN EN ISO 20471, die, schaut man sich im heutigen Straßenverkehr einmal aufmerksam um, tatsächlich immer häufiger auftaucht, bei Radlern, bei Fußgängern, bei Hunden, die Gassi gehen im dunklen Park.

Aber nicht etwa, weil sie seit Juli 2014 in Personenkraftwagen, Lastkraftwagen, Sattelzugmaschinen, mehrachsigen Zugmaschinen sowie Kraftomnibussen, die auf öffentlichen Straßen in Betrieb gesetzt werden sollen, gesetzlich vorgeschrieben mitgeführt werden muss.

In immer mehr Ländern ist mittlerweile das dauerhafte Tragen von Warnwesten auch auf dem Rad Pflicht. Und während in Deutschland immer wieder Diskussionen über die Einführung von Warnwesten für Radler geführt werden, ist in Frankreich die Weste für Pedaleure bereits fester Kleidungsbestandteil, nachts oder bei schlechter Sicht auch tagsüber außerhalb geschlossener Ortschaften. Bei Nichteinhalten der vorgeschriebenen Pflicht muss mit einem Bußgeld gerechnet werden.

Aber, und auch das sollte man berücksichtigen: aktuelle Studien aus Großbritannien und den USA belegen, dass das Tragen einer Signalweste die Sicherheit des Radfahrers nicht erhöhe, die Warnfunktion im allgemeinen nächtlichen Lichtgeglitzer des Stadtverkehrs sogar eher untergehe.

Vielleicht ist es also das nurmehr subjektive Gefühl von Sicherheit, das mir meine mittlerweile liebgewonnene Weste gibt und sie - wenigstens für mich - Sinn ergibt, wie auch für alle anderen Radler und Fußgänger und Hunde im dunklen Park, die mir, in Warnwesten gekleidet, begegnen. Und weil sie uns leuchten lässt. In orange und in warnwestengelb in den tiefen Straßenschluchten dieser Stadt.