| 08.58 Uhr

Folk Noir
Wendy McNeill in der Kassette

Düsseldorf: Wendy McNeill in der Kassette
Meisterin der Quetschkommode: Wendy McNeill FOTO: Hasse Lindén 2012
Wendy McNeill hat ein Faible für Underdogs, für verlorene Seelen. Deren tragische, aber nie hoffnungslose Geschichten verarbeitet sie zu Musik. Zu kantigen Folk-Noir-Songs, in deren Zentrum nicht selten das Akkordeon steht. Von Alexandra Wehrmann

Schon als kleines Mädchen ließ McNeill Interesse für Musik erkennen. Ihre Eltern liebten Folk und Country. Die älteren Geschwister konfrontierten sie mit so unterschiedlichen Bands wie Pink Floyd, Supertramp oder Black Sabbath. Im zarten Alter von fünf Jahren ließ sich das Mädchen aus dem kanadischen Edmonton/Alberta von Dolly Parton und Porter Wagner in den Schlaf singen, um am nächsten Tag mit Abba wieder aufzustehen. In der High School verbreiterte sich das musikalische Spektrum dann zunehmend. McNeill entdeckte düsterere Klänge für sich: The Sisters of Mercy, The Velvet Underground, Siouxie and the Banshees oder The Cure. Parallel begeisterte sie sich für Fotografie, Poesie und zeitgenössischen Tanz. Nach der Schule absolvierte sie eine Tanzausbildung, die ihr abermals neue kulturelle Welten eröffnete: Avantgarde-Komponisten lernte sie dabei ebenso kennen wie Performance-Künstler. Beeinflusst von Steve Reichs Minimal Music, dem Jazz eines Meredith Monk, von Laurie Anderson oder Tom Waits begann sie erste eigene Kompositionen zu schreiben. In der Folge verfeinerte sie ihr Songwriting wie ihr Gitarrenspiel und nahm mit "To Whom It May Concern" letztendlich ihr Debütalbum auf. Das erschien 1997. Später verliebte sich Wendy McNeill in ein anderes Instrument, das seitdem ihr Schaffen prägt: das Akkordeon. Nach dem Debüt brachte sie im Laufe der Jahre sieben weitere Alben heraus, drei davon auf dem deutschen Label Haldern Pop Recordings. Sie schrieb Musik für Film, Tanz und Theater, war auf zahlreichen Compilations vertreten und tourte durch Nord-Amerika, Brasilien, Europa und Japan.

Ihre jüngste Platte ist bei dem schwedischen Label Startracks erschienen, was daran liegen mag, dass McNeill ihren Lebensmittelpunkt mittlerweile in das skandinavische Land verlagert hat. "Hunger Made You Brave" heißt das Album, es stammt aus dem April dieses Jahres. Bei dem im Titel erwähnten Hunger könne es sich "um faktischen Hunger handeln – oder mythologischen Hunger", erklärte die Künstlerin in einem Interview. Es funktioniere beides. "Es sind die grundlegendsten Motivatoren, die es gibt. Wenn man seine grundlegenden Bedürfnisse nicht befriedigen kann, wird man nämlich ganz schnell auf seine Urinstinkte zurückgeworfen – was zu unkalkulierbaren Folgen führen kann." An den Aufnahmen, die dieses Mal ein bisschen weniger düster als in der Vergangenheit ausgefallen sind, waren einmal mehr McNeills langjährige Kollaborateure Andreas Nordell (Kontrabass), Erik Nilsson (Percussion) und der Co-Produzent und Multiinstrumentalist Christoffer Lundquist beteiligt. Das Akkordeon spielt bei all dem mittlerweile eher eine untergeordnete Rolle. Insgesamt wirken die Kompositionen wesentlich reduzierter. Sie wolle so vor allen Dingen Platz für die Geschichten lassen, erklärt die Musikerin. "Ich will Platz lassen, damit der ganze Klang gehört werden kann." Auch die Walzer, die sich früher wie ein roter Faden durch ihre Platten zogen, sind mittlerweile fast verschwunden. Auf "Hunger Made You Brave" findet sich nur noch ein einziger. Stillstehen und Innehalten, das sei es, worum es ihr bei der Platte gehe. Wohl deshalb sei sie insgesamt asketischer geraten, so die Musikerin. Verloren haben ihre unkonventionellen Songs dadurch nicht. Im Gegenteil. Wie gewohnt nehmen sie den Hörer mit auf eine Reise, die trunken macht und von der man hofft, sie möge niemals enden.

8.8., 20 Uhr, Kassette, Flügelstr. 58, Düsseldorf