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"Das war Underground"
Jost Reinert und Michael Notowitz über die Legende Creamcheese

Düsseldorf: Interview zum Creamcheese
Tanzen zu einer Buchstabengrafik von Ferdinand Kriwet: Creamcheese FOTO: Jost Reinert
Sie waren dabei und sehen zurück: Vor 50 Jahren stieg die Neubrückstraße 12 in der Altstadt zu einer weltbekannten Adresse auf, weil dort das "Creamcheese" wartete: Ein Raum für Bildhauer und Lebenskünstler, für Musiker, Musik-Freaks und Abtänzer. jetzt! Düsseldorfer Anzeiger am Wochenende sprach mit Jost Reinert, dem Sohn der Gründer, und Michael Notowitz vom Creamcheese e.V. Von Klaus Schröder

Was war das Creamcheese eigentlich n i c h t?
Reinert: Ich hatte immer Schwierigkeiten zu erklären, was meine Eltern machen. Es war keine Diskothek und kein Lokal, keine Galerie, kein Restaurant und es gab keine Tanzkapelle. Es war für den Zeitgeschmack doch alles sehr off off, ob dass das Outfit meines Vaters oder die Kleidung der Gäste betraf, das Creamcheese-Kneipen-Theater mit der deutschen Uraufführung von Jean Genet, einem explizit schwulen Autor, oder mit dem Kommunisten Franz Xaver Kroetz, der sich dazu bekannte, zehn Jahre als Gammler gelebt zu haben. In der damaligen Jetzt-Zeit hat aber niemand darüber nachgedacht, was er da eigentlich veranstaltet.
Notowitz: Ich kam ja erst Mitte der 1970er dazu, und da waren die Kunstwerke schon kaputt und wir haben die gar nicht als Kunst wahrgenommen. Trotzdem war das alles unfassbar. Josts Papa war eine Respektsperson, so eine Kante, mit seiner Schaffnerkasse und in seinem dicken Ledermantel. Noch mehr wunderten wir uns über diese ultralange Bar, die phantastischen Bar-Frauen, diese ganzen verrückten Typen, die psychedelische Musik und die Dunstschwaden von was weiß ich.
Reinert: Bei Mitschülern und Lehrern galt das Creamcheese schon als Hasch-Kneipe, was bei meinen Eltern aber verpönt war; damit wollten sie nichts zu tun haben.

Wie ging alles los?
Reinert: Mein Vater war Angestellter bei Rank Xerox und gab seine Spitzen-Stellung 1967 auf, um - wie die Presse damals schrieb - mit seiner großäugigen Bim, meiner Mutter, das Creamcheese zu eröffnen. Der damalige Leiter der documenta prägte dann wenig später den Satz: Das Creamcheese ist ein Gesamtkunstwerk. Meine Eltern sollten nach Kassel kommen, um den Laden dort aufzubauen - was ich klasse fand, denn das bedeutete: 100 Tage schulfrei!
Musik spielte eine große Rolle...
Reinert: Das war Underground. Meine Eltern schickten die DJs nach London in besondere Läden, um Musik zu kaufen, die es im Handel so nicht gab. Keine Selbstverständlichkeit damals.
Notowitz: Und die DJs waren schon sehr speziell, die sprachen noch lange nicht mit jedem, manche verhüllten auf der Empore sogar die Cover ihrer Platten. Und wenn die Scheiben hier zu kaufen waren, waren sie im Cream schon wieder weg, weil der DJ seinen Spaß daran verloren hatte.

Gab es Prominente?
Reinert: Ein Teil war ja noch gar nicht prominent. Der Galerist Schmela hatte seinen Stammplatz da, okay. Und wenn Frank Zappa auf Tournee-Station in der Stadt war, kam er später vorbei. Oder morgens in unsere 360-Quadratmeter-Wohnung am Rathausufer. Dort betrieb meine Mutter eine Art Salon, wo dann auch mal Peter Scholl-Latour, Willy Brandt und Claude Chabrol auftauchten. Oder Jimi Hendrix nach seinem Konzert in der Rheinland-Halle.

Wer kam auf den Namen?
Reinert: Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht so genau.
Notowitz: Nein, wir auch nicht. Manchmal vergisst man, nach den selbstverständlichsten Dingen zu fragen, solange noch Leute da sind, die man fragen kann.
Reinert: Der Name bezieht sich ganz sicher auf den Song "Suzy Creamcheese" von Frank Zappa...

Dann war es plötzlich vorbei.
Reinert: Das Viertel wurde saniert. Bei Nr. 12 hat man aus Denkmalschutzgründen entschieden, die Fassade stehen zu lassen und dahinter Neubauten zu errichten.
Notowitz: Im Dezember 1976 wurde dann schon das neue Cream eröffnet an der Flinger Straße.
Reinert: ...und mit dem neuen Namen wollte man sich schon von dem vorigen Zeitraum abgrenzen.
Notowitz: Zumal die Ausrichtung des Cream deutlich kommerzieller geriet. Die reine Lehre war passé.
Reinert: Die Stadt hatte das Cream schon lange auf dem Kieker. Als dann jemand unter 18 im Laden erwischt wurde und in einem Drogenprozess ein Angeklagter behauptete, er hätte die Drogen von einem Gast bekommen, erwirkte die Stadt eine Verfügung und schloss das Cream - was meine Eltern geschäftlich ruiniert hat.

Was soll vom Creamcheese überleben?
Reinert: Das harrt eigentlich noch der Aufarbeitung, was die 68er bedeutet haben.
Notowitz: Wir haben es leider in all den Jahren nicht geschafft, die Kunst wieder zu aktivieren. Das ist halt die Frage: Wird davon etwas übrigbleiben? Letztlich steht und fällt das mit einer Location, wobei die steigenden Immobilienpreise einen festen Standort für ein Creamcheese von heute immer unwahrscheinlicher machen. Zusammen mit Christian Koch, dem Doktor, und DJ Micha, Michael Krümmer, haben wir zumindest eine neue Veranstaltungsreihe entwickelt unter dem Titel "Creamcheese presents", die zusätzliches Publikum lockt und vielleicht erreicht, dass junge Künstler andocken. Aber nochmals: Dafür brauchen wir dauerhafte Räumlichkeiten.

Also ist einer der letzten Zipfel, die man von dieser Epoche greifen kann, der Besuch der Creamcheese-Party am 3. November?
Notowitz: Ja. Hier gibt es keinen Stress, es geht etwas familiärer zu und wenn mal ein Glas runterfällt, holt sich derjenige manchmal sogar das Kehrblech. Aber die Zukunft hängt davon ab, ob junge Leute das übernehmen wollen.
Reinert: Wir fahren hier auch noch mit dem Rollstuhl rein.

3.11., 20 Uhr, Creamcheese-Party mit DJ Micha. An der Piwipp 5, Düsseldorf