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Kappes-Hamm geht auf die Barrikaden
"Kompromiss gebrochen"

Kappes-Hamm geht auf die Barrikaden: "Kompromiss gebrochen"
Hier will die Stadt in Hamm bauen, allerdings entgegen früherer Absprachen mit Anwohnern, Eigentümern und ansässigen Gewerbetreibenden. Letztere sehen ihre Existenz bedroht. Im Rahmen eine Info-Veranstaltung am vergangenen Freitag gingen die Hammer auf die Barrikaden - pardon, aufs Feld! FOTO: Nicole Gehring
Weil die Stadt in Hamm plötzlich mehr Wohnungen bauen will, als ursprünglich mit Bürgern und Grundstückseigentümern ausgehandelt, wächst im Stadtteil der Protest. Von Stefan Pucks

Im Januar 2016 war für Willi Andree und Petra Tappertzhofen aus Hamm eigentlich fast alles in Ordnung. Die Stadt wollte beiderseits der Straße Hinter der Böck Wohnungen errichten. Im Rahmen eines so genannten Dialogverfahrens sprachen sich Bürger und Eigentümer mit großer Mehrheit für eine mäßige und aufgelockerte Bebauung des landwirtschaftlich genutzten Areals aus.

"300 Wohneinheiten und maximal anderthalb geschossige Bauhöhe, viel Grünfläche - das sah der damalige Sieger-Entwurf vor", sagt Andree. Petra Tappertzhofen ergänzt: "Einige hier wollten gar keine Bebauung, doch das ist eher unrealistisch, so dass wir den Entwurf als von allen tragbaren Kompromiss empfunden haben. Doch der wurde jetzt gebrochen."

Exakt ein Jahr später tauchen in einem neuen Planungskonzept der Stadt "bis zu 1000 Wohneinheiten und einem weiteren Geschoss obendrauf" auf.

"Unsere Bürgerinteressen sind da lediglich ganz geringfügig berücksichtigt", so Andree. "Das zerstört den dörflichen Charakter von Hamm, gefährdet massiv das soziale Gefüge im Stadtteil und die Existenz der landwirtschaftlichen Betriebe auf dem Gelände."

Über die Motive der Stadt rätseln die beiden. "Hat dort jemandem das Verfahrens-Ergebnis plötzlich nicht mehr gepasst? Seinerzeit waren doch auch Entwürfe mit massiverer Bebauung vorgelegt, jedoch eben abgelehnt worden", sagt Willi Andree. Seine Mitstreiterin bemängelt Vorgehen und Informationspolitik der Verwaltung.

Petra Tappertzhofen: "Erste Überlegungen zum hiesigen Wohnungsbau existieren ja bereits seit 2012. Dann gab es über zwei Jahre Stillstand. Dann der Dialog, dann plötzlich dieses neue Planungskonzept."

Auch Willi Andree ist es schleierhaft, "warum, die Stadt auf Basis des Dialogverfahrens nicht schon längst einen Bebauungsplan mit den Eigentümern und Bürgern entwickelt hat."

Was dagegen geschehen ist - das baurechtliche Instrument des Umlageverfahrens wurde voran getrieben. Bei einer Umlegung sollen Grundstücke geschaffen werden, die nach Lage, Form und Größe für eine bauliche oder sonstige Nutzung geeignet sind. "Eigentlich", so Andree, "steht das erst nach einem Bebauungsplan an."

Beide halten den "Dialog" vom Januar 2016 inzwischen für "weiße Salbe". Der Beschwerdeausschuss wurde angerufen, OB Thomas Geisel bekam eine offizielle Anfrage. Auf die Antwort wartet man in Hamm.

 Dessen ungeachtet suchen die Protestler den Kontakt zu verschiedenen Ratsmitgliedern. "Die Politik denkt scheinbar, hier ist alles in Butter", so Petra Tappertzhofen. "Doch so langsam sickert durch, was hier passiert."

Das zuständige Planungsamt war am Dienstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Dafür legt Oppositionsführer Rüdiger Gutt (CDU) nach: "Der Oberbürgermeister wiederholt nur stur seine Parole, jährlich mindestens 3.000 Wohnungen aus dem Boden stampfen zu wollen. Über Folgen und Probleme sagt er nichts." Auf der Strecke blieben dann Lebensqualität und Freiräume. "Ungebremstes Wachstum frisst am Ende Grün-Oasen und zerstört dörfliche Strukturen – wie etwa in Hamm, aber auch in Kalkum oder Wittlaer. Das wäre sozial und ökologisch eine Katastrophe."