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Mut-Tour
Mit dem Tandem gegen Depression

Mut-Tour: Mit dem Tandem gegen Depression
Die Teilnehmer der Mut-Tour wollen auf die Erkrankung Depression aufmerksam machen. Düsseldorfer Anzeiger-Redakteur Sven-André Dreyer fuhr selbst mit. FOTO: Sebastian Burger
Depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen fahren gemeinsam Rad und machen mit ihren persönlichen Geschichten aufmerksam auf den Umgang mit psychischen Erkrankungen. Sie setzen sich ein für mehr Wissen und Mut. Von Sven Dreyer

Nur noch wenige Kurbelumdrehungen sind es, dann erreicht das Tandem von Andrea Roosch und Jürgen Keil eine kleine Anhöhe in Zehren an der Elbe, rund 30 Kilometer von Dresden entfernt. Roosch atmet auf und nimmt müde einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Die Sonne steht tief, das Elbtal färbt sich gelb-gold. "Auf der Tour kann ich mein Kopfkino wegradeln", sagt die 52-Jährige und beginnt damit, ihr Zelt im Pfarrgarten der St. Michaeliskirche aufzubauen. Später wird sie gemeinsam mit ihrem Team das Abendessen auf einem kleinen Kocher zubereiten. Heute gibt es Wildreis mit Gemüse. Wie bereits in den vergangenen Tagen verbringt Roosch ihre Zeit ausschließlich in der freien Natur, nächtigt im Zelt und wäscht sich in Flüssen oder Seen. Roosch ist mit weiteren fünf Radlern auf dem Weg von Hildesheim nach Dresden und damit Teil der ersten Etappe der diesjährigen Mut-Tour.

Die 2012 gegründete Aktion jedoch ist keine gewöhnliche Fahrradtour. Vielmehr ist das von Sebastian Burger (38) ins Leben gerufene, und seitdem jährlich stattfindende Aktionsprogramm eine Reise, auf der die Teilnehmer zur Entstigmatisierung der Erkrankung Depression aufrufen wollen. Auf Tandems, aber auch wandernd und in Kajaks legen die Teilnehmer der Tour in diesem Jahr bis 2. September rund 5.250 Kilometer quer durch Deutschland zurück und erleben dabei, wie Bewegung ohne Leistungsdruck und in Kombination mit Struktur, Natur und Gemeinschaft die Stimmung heben kann.

Unterwegs treffen die Teilnehmer, explizit Menschen mit und ohne Depressionserfahrung, an festgelegten Orten Journalisten und Interessierte, um in Interviews und Informationsgesprächen von ihrer Tour-Idee zu berichten. Mitfahraktionen laden überdies weitere Radler ein, die Tandems einen Teil ihres Weges zu begleiten. Und tatsächlich sind, trotz der Schwere des Themas, die Begegnungen herzlich und offen. "Es sind besondere Momente, die wir auf unserer Tour erleben", erzählt Roosch. Denn tatsächlich wird über Depression in der Öffentlichkeit nicht häufig gesprochen. Und wenn, dann höchst ungern.

Tatsächlich ist es noch immer ein Tabuthema; zu vorurteilbehaftet scheint die Erkrankung zu sein, ein offener Umgang damit deutlich erschwert. Das Resultat ist häufig, dass zu wenig Wissen über die Krankheit existiert und Fakten mit Unwahrem schlicht durcheinander gebracht werden. Dabei gehören Depressionen zu den häufigsten, und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen weltweit. Aktuellen Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge waren bisher 17,1 Prozent der erwachsenen Deutschen im Alter zwischen 18 und 65 bislang mindestens einmal an einer unipolaren oder anhaltenden depressiven Störung erkrankt. Rechnet man die Menschen unter 18 und über 65 Jahre hinzu, so ist dies statistisch betrachtet jeder fünfte Bundesbürger. Tendenz steigend.

Die Ursachen der Erkrankung können vielfältig sein und eine Depression entsteht in der Regel aus dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Als Auslöser einer depressiven Episode wirken meist persönlich belastende Ereignisse oder Überforderungssituationen. So geben Befragte in der Vergangenheit zum Beispiel vermehrt Überlastungssituationen am Arbeitsplatz als einen möglichen zusätzlichen Auslöser an. Hilfe können Therapien bieten. Und das Entdecken der Gemeinschaft. "Gerade beim Tandemfahren findet stets ein diskreter Leistungsausgleich statt", sagt Sebastian Burger. Ein Bild auch dafür, wie man mit der Erkrankung in der Gesellschaft umgehen könnte.

Gerade die Fortbewegung auf einem Tandem, die Möglichkeit, gemeinsam eine Strecke zu bewältigen, reizt auch Jürgen Keil an der Mut-Tour. Der 57-Jährige ist bereits seit Gründung der Tour, zunächst als interessierter Mitfahrer, später dann als Teamleiter dabei. "Es gibt einen Weg aus der Krise", sagt Keil. "Die auf einer Tour gesammelten Erfahrungen sind unglaublich vielfältig und eindrucksvoll, und die gemeinsam erlebten Erfahrungen geben Selbstvertrauen und machen den Teilnehmern Mut." Mut, mit ihrer Erkrankung offen umzugehen. Und Mut, der Depression angstfrei zu begegnen.