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Erfinde dich neu oder: Mach dein altes Ich platt

Erfinde dich neu oder: Mach dein altes Ich platt
FOTO: hy
Christoph Keese lehrt uns ein weiteres Mal das Fürchten. Nach Silicon Valley und Silicon Germany heißt sein neues Buch: Disrupt Yourself, was soviel bedeutet wie: erfinde dich neu, die digitale Revolution ist da! Oder auch: Mach' dein altes Ich platt. Von Klaus Schröder

Der Wirtschaftswissenschaftler und Journalist bei Springer flog vor fünf Jahren mit Kollegen ins kalifornische Silicon Valley, verbrachte dort sechs Monate und kehrte mit einer Mission zurück: Deutschland zeigen, welche Welle auf uns zurollt und was wir tun müssen, um nicht unterzugehen. Jetzt also die persönliche Variante: Was muss i c h tun?

Eine, die das angepackt hat, heißt Inga Bauer und ist Inhaberin und Geschäftsführerin eines Werkzeugunternehmens in Remscheid in dritter Generation, das mit der Produktion von Rohrsteckschlüsseln erfolgreich war. Keese lernte sie bei einer seiner Buchvorstellungen in Kaiserswerth kennen und staunte. "Ich bin verblüfft. Sie ist einfach nach Berlin gezogen?" Die Unternehmerin war davon überzeugt, dass der digitale Umschwung ihre Firma hart treffen wird. Also hat sie Kontakt mit der Start-up-Szene in der Hauptstadt aufgenommen, um zu ergründen, wie die neuen Akteure auf dem Markt ticken. Schon damals war das Althergebrachte in Remscheid defizitär und ein neuer Zweig, LED-Leuchten, lief lediglich mit. Irgendwann beschloss sie: "Die Rohrsteckschlüssel kommen jetzt weg, und wir pushen die LED's." 

Solche Metamorphosen liebt Christoph Keese: Den Finger auf Wunden legen und den Heilungsprozess anstoßen oder dokumentieren. Er befasst sich mit den Arbeitslos-Chancen von Erholungstherapeuten und Telefonvermarktern, stellt Buchhalterinnen und Taxifahrer vor, die die Digitalisierung auf die leichte Schulter nehmen und präsentiert Wissenschaftler, die nach etwas suchen, was es so noch nie gegeben hat. Etwa Bruce Pon, der die Blockchain untersucht, eine Methode, die Zentralinstanzen abschaffen könnte, wie zum Beispiel Banken, Versicherungen, Autohäuser. 

Darüber hinaus öffnet uns Christoph Keese die Augen darüber, wo ungelöste Probleme von digitalen Erneuerern neu durchdacht werden: Die Kasse im Supermarkt, das Abrechnungssystem im Parkhaus, die Ablesung von Strom, Gas und Wasser und die Versorgung mit Medikamenten außerhalb der Öffnungszeiten. 

Das alles ist spannend geschrieben, hautnah erzählt - und lässt den Leser doch nie abschweifen, sondern stellt immer wieder die unangenehme Frage: Wo muss und kann ich mich ändern?