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Die Autorin Stefanie Hohn aus Gerresheim übers Schreiben
„Kampf und Befreiung“

Die Autorin Stefanie Hohn aus Gerresheim übers Schreiben: „Kampf und Befreiung“
Stefanie Hohn am Alten Markt. FOTO: privat
Eine Autorin aus Gerresheim, deren Name dir nichts sagt? Die schon vier Bücher veröffentlicht hat? Zwei unter dem Pseudonym Franca Steffen und zwei unter ihrem richtigen Namen Stefanie Hohn? Du hast beiläufig davon erfahren, weil sie dir die Ankündigung der Premierenlesung von "Die Magie der Farben" im Kulturzimmer in Flingern zugeschickt hat. Das war im Sommer. Irgendwann erinnerst du dich und denkst: Ist dein Story-Radar defekt? Hier kommt die Nachjustierung. Von Klaus Schröder

Stefanie Hohn schließt ihr Fahrrad an den Pfahl eines Verkehrsschilds vor der Reinigung am Kölner Tor. Sie trägt Jeans, einen schwarz-weiß gemusterten Mantel und um ihren Hals ist ein himbeerfarbenes Tuch geschlungen – eine aparte Frau.

Auf ihrer Internetseite ist zu lesen: Sie wurde 1967 in Aachen geboren, studierte Literaturübersetzung in Düsseldorf und promovierte zur Übersetzungsgeschichte des Klassikers Jane Eyre von Charlotte Brontë. Sie arbeitete als literarische Übersetzerin und unterrichtete das literarische Übersetzen an der Heinrich-Heine-Universität. Sie gründete eine Sprachschule für Kinder und leitete sieben Jahre in Paris die Organisation eines europäischen Englischwettbewerbs für Schüler. Jetzt wohnt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe des Postsportplatzes.

Wie war die Lesung im Kulturzimmer, die ich verpasst habe? "Der Roman ist gut angekommen, ich habe viele Bücher verkauft." Sie lächelt. Und das Publikum? "Ganz gemischt. Auch wenn es um Liebe geht, heißt das ja nicht, dass Männer das nicht lesen können." Sie lächelt erneut, und wird ernst. Ein Liebesroman mit einem männlichen Protagonisten? "Als ich mit meiner Agentin über die Buchidee gesprochen habe, sagte sie: 'Kannste vergessen!'" Aber Stefanie Hohn versucht, die Mechanismen des Markts ein wenig auszublenden. "Ich gehe dem nach, was mich reizt. Und das ist eine Geschichte, die ich schreiben wollte, die mich persönlich bewegt." 

Wie genau macht sie das, schreiben? "Völlig unromantisch. Weil ich ein Morgenmensch bin, stehe ich auf und hock' mich an den Schreibtisch. Ich nehme dann aus dem Schlaf vielleicht immer etwas mit." Sie stuft sich selbst als langsame Schreiberin ein. "Es geht um den richtigen Satz und um das richtige Wort." Die Geschichte hat sie im Kopf – "aber der Schreibprozess als solcher ist für mich ein harter Kampf, ja, ein Ringen – aber es ist auch Befreiung. Am Ende sogar ein Stück mehr Befreiung, sonst täte ich es nicht." 
Während der Schreibphase, liest sie da andere Bücher? "Nein, das ist dann zu viel Welt." Was dazu führt, dass sie "leider, leider, leider" deutlich weniger liest als früher. "Ich bin allerdings auch wesentlich kritischer geworden und suche genauer aus." Was zum Beispiel? Mariana Leky findet sie gut, "Haruki Murakami geht immer." Und die Klassiker? "Darüber bin ich hinweg. Heute heißt es ja nicht mehr: erzähle, sondern: show, don't tell." Also zeigen, nicht erzählen. "Dabei finde ich erzählen so schön." 

Übrigens erzählen. Das erste Buch schrieb sie nur für sich, "es sollte eigentlich gar nicht veröffentlicht werden." Mit "Karriere im Kinderzimmer" wollte sie sich Luft machen, denn zu Beginn ihrer Laufbahn wird sie – schwanger. "Ich teile mit den allermeisten meiner Geschlechtsgenossinnen das traurige Los, zwischen Kind und Karriere entscheiden zu müssen und es ist uns noch nicht gelungen, voll berufstätige Mütter zu sein – ohne Gewissenskonflikte, faule Kompromisse und der ständig lauernden Gefahr eines Burnouts." Und: "Das Buch liegt mir auch heute noch am Herzen, weil es meine Geschichte war."
Was sagt ihre Familie heute über ihre Arbeit? "Mein Mann liest wenig Belletristik, eigentlich gar nicht - aber er findet es toll, dass ich meinen Weg gefunden habe." Ihren Mystery-Thriller "Paradise Landing" hat ihre 18-jährige Tochter gelesen und geurteilt: "Das hast du gut gemacht." Alle mögen, was sie tut, "aber es ist kein Riesenthema zu Hause."

Stefanie Hohns Zuhause, das war einige Jahre lang München und noch mehr Jahre Paris. Dann kehrte sie zurück in die Stadt, in der sie aufwuchs. "Es war wahnsinnig schwierig, hier wieder anzufangen." Dabei liebt sie ihren Wohnort und ihren Garten, den sie ziemlich urwüchsig lässt, "das ist meine Insel." Über Düsseldorf sagt sie: "Wenn du dazugehörst, ist es gut, aber wenn du raus bist, bist du raus." 

Was ihr am Ort hingegen gefällt, ist, dass man schnell überall hinkommt, etwa zum Rhein; deshalb ist sie meist mit dem Rad unterwegs. Sie denkt nach: "Ich könnte eigentlich auch mal einen Roman in Düsseldorf spielen lassen." Zum ersten Mal hat Stefanie Hohn jetzt ein Buch bei einem Verlag herausgebracht, Tinte & Feder, ein so genanntes Imprint eines großen Players am Buchmarkt, in diesem Fall von Amazon. Ein Buch selbst zu vermarkten "ist die Hölle". "Das ist so frustrierend, weil man untergeht." Jeder kann heute publizieren, "und das vernebelt die Sichtbarkeit". Das wird ihr jedes Mal bewusst, wenn sie zur Frankfurter Buchmesse reist. "Das ist so gigantisch, das zieht mich eher 'runter." Dynamischer und beflügelnder kommt ihr Leipzig vor, "das ist eine Autorenmesse, da trifft man Freunde und Kollegen." 

Auch lokal unternimmt sie den einen oder anderen Anlauf. "Ich gehe in eine Buchhandlung, frage nach und habe dann natürlich mein Buch dabei." Aber: "Wenn man keinen großen Namen hat, ist das echt schwer." Ein weiteres Problem: Manche Buchkette vertreibt keine Amazon Publisher. "Das ist natürlich für den Autor eine bittere Pille - aber damit muss ich mich abfinden." Schön wäre es aber in ihren Augen schon, wenn sich der lokale Buchhandel hinter lokale Autoren stellen würde." Dann sagt sie noch einmal mit unglaublicher Offenheit: "Ich bin eine absolute No-Name-Autorin, das ist so." 

Trotzdem: Ihr nächstes Buch hat sie schon fertig und sie wird auch damit überraschen. "Ich passe nicht so ganz 'rein in Schubladen, da steht immer etwas ein wenig über."
Und wie ist nun ihr Buch, die "Magie der Farben"? Schon das Titelbild fasziniert, der Leser glaubt, das Kleid von Aurelie fühlen zu können, dass der Protagonist Paul Tissu so meisterhaft gemalt hat. Der Mann führt einen Stoffladen in der Aachener Innenstadt, hat sich in seiner Jugend für Aurelie verzehrt und damals vor ihr die Flucht ergriffen, weil sie ihm zu schön, aber vor allem zu reich und zu anspruchsvoll für seine Verhältnisse schien. Eines Tages fragt eine Dame in seinem Geschäft nach Fertiggardinen. "Zwei blaue Saphire. Diese Augen besaß nur ein einziges Wesen auf dem ganzen Planeten! Aber nein, das konnte unmöglich sein!" 

Was es mit Pauls nächtlichen Besuchen im Keller seines Hauses auf sich hat und warum der Erdboden dort eine Rolle spielt, wird nicht verraten. Schicksal, Liebe auf den ersten Blick, Thrill, Rückblenden, Paukenschläge – Stefanie Hohns Roman hat viel zu bieten. Aber vor allem ist ihr eine bezaubernde Liebesgeschichte gelungen.