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Ein wonniglich verbaler Schlagabtausch über den Ring am Rhein
Von der Lust am Text

Ein wonniglich verbaler Schlagabtausch über den Ring am Rhein: Von der Lust am Text
„Wir lesen den Text!“ - Regisseur Dietrich W. Hilsdorf FOTO: Deutsche Oper am Rhein/ Susanne Diesner
Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" wird an der Deutschen Oper am Rhein von Dietrich W. Hilsdorf neu inszeniert. "Rheingold" und "Walküre" sind bereits über die Bühne, am 7. April hat "Siegfried" Premiere. Bei einem Hintergrundgespräch gab es neue Einblicke in die Arbeit des Regie-Teams und einen durchaus wonniglichen verbalen Austausch. Von Yvonne Hofer

Treffpunkt ist das Heine Haus auf der Bolkerstraße. Regisseur Hilsdorf, Bühnenbildner Dieter Richter, Generalmusikdirektor Axel Kober, Dramaturg  Bernhard F. Loges und Kostümbildnerin Renate Schmitzer sind gekommen. Ein weiterer Gast: Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch. Ein fröhlicher, braun gebrannter, von sich selbst sehr amüsierter deutscher Professor.

Er hat das Buch "Weibes Wert und Wonne" geschrieben. Immer wieder im Laufe des Abends treiben seine Aussagen Hilsdorf zu Ausrufen wie: "Das muss ich mir aufschreiben!" oder "Das nehme ich zu den Proben mit!"

Man merkt schnell: Die beiden Herren haben Spaß aneinander. Auch wenn sie bei Wagners Frauenbild unversöhnlich gegeneinander stehen. Dass stets die Frau sterben muss, um den Mann zu erlösen – das will nicht in Hilsdorfs Weltbild passen. So wie er stets leugnet, ein Regie-Konzept zu haben. "Wir lesen den Text!"

Bei jeder Probe – so verrät es der Regisseur – hängt ein großes Schild:

Lust am Text.

 "Das sehen die Darsteller jeden Tag sechs Stunden. Das können sie nicht ignorieren!" Wie wichtig das für ihn ist, erläutert er am Beispiel "Götterdämmerung". "Da steht nichts von Weltenbrand. Da steht, es brennt eine Burg am Rhein!" Dabei ist der Weltenbrand längst im kollektiven Gedächtnis des Publikums.

Der "Siegfried", da sind sich alle in der Runde einig, ist der komische Teil des Rings. "Beim Rheingold haben wir die elegante französische Komödie. In der Walküre Militarismus, und dann bricht es auseinander", sagt Hilsdorf. Wotan, der bis dahin alles im Griff hatte, alles lenkte, wird zum Wanderer, tritt in den Hintergrund. Verschwindet schließlich in der "Götterdämmerung".

"Siegfried" beginnt mit dieser seltsamen Männer-WG. Zwerg Mime und der Nachwuchsheld. "Zwei Männer in einem Haushalt – das ist immer komisch!"  Auch sprachlich: "Als zullendes Kind zog ich dich auf…"

Jochen Hörisch ergänzt: "Im 'Siegfried‘ trifft Kalauer-Niveau auf Pathos." Auch die lockere Nonchalance, mit der gleich zwei Morde – an Mime und Fafner – verübt werden, sei nicht ohne Komik. Noch mehr gelte das für den Moment, als Siegfried beim Anblick Brünnhilds feststellt: "Das ist kein Mann!"

Neben Wagners Text und Musik werden vom Team ebenso Sekundärliteratur, Wagners Zeitgenossen, aber auch Filme unter die Lupe genommen. "Die Rheinoper ist im Moment ein Institut zur Erforschung des Rings", sagt Hilsdorf lachend. Daran sind alle beteiligt. Für Hilsdorf ein besonderes Vergnügen: Die Diskussionen mit dem Ensemble. "Schwaben, Schweden, Engländer Amerikaner. Und jeder trägt etwas bei."

So wie Hilsdorf die Arbeit beschreibt, ist diese Ring-Inszenierung etwas Organisches, etwas das wächst, sich verändert. "Wotan-Darsteller Simon Neal weiß, dass er nach dem Siegfried auch ein veränderter Wotan in Rheingold und Walküre sein wird", sagt der Regisseur.

Die Annäherung an Wagner erfolgt auch über Büchner, Kleist, Heine, Marx und Engels. Der Ort des Gesprächs, das Heine Haus in der Bolkerstraße, passt da im doppelten Sinne. Heine, weiß Hilsdorf, ist ein gutes Gegengift. Denn: "Ich habe eine Riesenangst vor Wagner. Er gießt eine Droge aus!"

Zu was das führen kann, hat die Geschichte gezeigt. Dass auch Humor ein feines Gegengift sein kann, zeigen Hilsdorf und Hörisch in ihrem Schlagabtausch. Denn wer deutlich macht, dass Brünnhild eine Generation verschläft, und somit am Ende von Siegfrieds Tante zu dessen Schwester wird, der nimmt dem "Heil dir Sonne! Heil dir Licht!", das von den Nazis besonders gemocht wurde, schon im Vorfeld viel von seinem Pathos.

Das Ergebnis dieses Arbeitsprozesses  gibt es am Samstag, 7. April in der Deutschen Oper am Rhein.