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Keine Farbe
Interview mit dem Fotografen Andreas Bretz

Düsseldorf: Interview mit dem Fotografen Andreas Bretz
FOTO: Sami Bretz
Seit zwanzig Jahren arbeitet Fotograf Andreas Bretz für die "Rheinische Post". Seine Fotos erzählen vom Leben in der Stadt, von den Menschen darin. Seine Lieblingsmotive sind sozialkritisch und am liebsten schwarz-weiß. "jetzt! Düsseldorfer Anzeiger am Wochenende" sprach mit dem Düsseldorfer Fotografen. Von Sven-André Dreyer

Warum lenkt Farbe ab, Herr Bretz?
Weil man sich dann nur darauf konzentriert, wie bunt ein Foto ist. Man achtet nur auf die Farben: Da ist blau, da ist rot, da ist grün, da ist gelb. Bei schwarz-weiß hingegen hat man nur eine Abstufung von grau, man konzentriert sich dann eher auf das Motiv. Ein solches Bild ist einfach anders zu fotografieren als ein Farbbild.

Üblicherweise sieht man heute in der Zeitung Buntfotos von Ihnen.
Ich komme aber aus der Schwarz-Weiß-Fotografie. Als ich damals als Pressefotograf angefangen habe, war es üblich, Fotos in schwarz-weiß zu drucken. Nur ganz besondere Fotos wurden in bunt gedruckt, das war damals noch sehr aufwendig und extrem teuer. Vielleicht kommt daher auch meine Liebe für schwarz-weiße Fotos, das sieht einfach toll aus. Und selbst wenn ein Foto farbig ist: Ich stelle mir das Bild immer in schwarz-weiß vor.

Insbesondere Schwarz-Weiß-Fotos besitzen häufig eine besondere Ästhetik. Wie bewahren Sie sich den Anspruch daran in Ihrem Arbeitsalltag?
Sicherlich ist eine gewisse Eitelkeit dabei. Unter jedem Foto, das von mir veröffentlicht wird, steht mein Name. Aber auch der eigene Anspruch mahnt mich täglich, ästhetisch zu fotografieren. Nicht leicht im Tagesgeschäft einer Tageszeitung, aber ein Freund hat mir mal gesagt, dass man jedes Bild fotografieren sollte, als sei es ein Aufmacherbild. Egal ob es dann einspaltig oder tatsächlich sechsspaltig veröffentlicht wird. Daran versuche ich mich täglich zu halten, auch wenn ich mal einen schlechten Tag habe. Dennoch klappt das nicht immer. In meinem Job gibt es zu viele Faktoren, die man nicht vorhersagen kann. Anders als bei einem Studiofotografen versuche ich dennoch bei allen Unwägbarkeiten ein Gesamtbild zusammenzubekommen, das nachher ein gutes Foto ergibt.

Ist das nicht wahnsinnig stressig?
Nö. Einerseits mache ich den Job ja schon eine Zeit lang, andererseits gibt es kaum noch Lichtsituationen, die ich nicht kenne. Ich achte aber auch darauf, nicht zu viele Termine an einem Tag zu besetzen. Zwischen den Terminen benötige ich Zeit, um mich – wenigstens kurz – auf den nächsten Termin vorbereiten zu können. Man muss flexibel sein. Überdies glaube ich aber auch, eine gewisse Menschenkenntnis zu besitzen, um einschätzen zu können, wie man mit zu fotografierenden Menschen umgehen muss. Dann kann man im besten Falle ein Ergebnis erzielen, das man haben möchte.

Also besteht Ihre Arbeit aus einer Melange aus Menschenkenntnis und Technikverständnis?
Die Technik ist mittlerweile idiotensicher, das macht es heute ein bisschen leichter. Man kann sich so besser auf die Leute konzentrieren. Dennoch: Früher hat man sich mehr gefreut, wenn ein Zeitungsfotograf kam. Heute sind Menschen häufig genervt von Fotos. Und auch die neuen Datenschutzverordnungen machen uns die Gegebenheiten um das eigentliche Foto herum schwieriger, als es die Technik je gemacht hat.

Sie haben im Laufe der Zeit eine eigene Handschrift entwickelt. Wenn man ein Foto von Ihnen sieht, kann man das Bild unmittelbar Ihnen zuordnen. Wie kam es dazu?
Auch das ergibt sich mit der Zeit. Am Anfang probiert man vieles aus, man probiert verschiedene Brennweiten, unterschiedliche Perspektiven und zahlreiche andere Herangehensweisen. Oft schießt man dabei über das Ziel hinaus. Irgendwann findet man seinen Stil, der bei mir mittlerweile von einer Liebe zum Weitwinkel mit einer zusätzlichen Unschärfe geprägt ist. Porträts mit ein bisschen Fleisch drum herum. Manche sagen, dass das langweilig ist, weil es immer das Gleiche sei – andere nennen das Handschrift.

Sie sind auf einem eher untypischen Weg zur Fotografie gekommen...

Zunächst habe ich in meinem erlernten Beruf gearbeitet: Grundstücks- und Immobilienberater. Später habe ich Wirtschaft und Wirtschaftsenglisch studiert. Zudem habe ich in der Altenpflege gearbeitet. Durch eine Arbeitskollegin bin ich dann an einen Mitarbeiter der WAZ geraten, über den ich schließlich meinen ersten Fotoauftrag bekam: Zwei Wochen später hatte ich einen Termin in Horneburg, beim Bezirksligaspiel gegen Germania Datteln. Ich bin quasi ins kalte Wasser gesprungen und habe erstmals mein Hobby, die Fotografie, gegen Bezahlung ausgeübt. Das Studium war dann relativ schnell ad acta gelegt. Später habe ich dann für eine größere Sportagentur gearbeitet und mich komplett auf das Fotografieren konzentriert.

Sie sind Autodidakt, gibt es für Sie Inspiration?
Früher gab es Fotokollegen, an denen ich mich orientiert habe. Bei denen fand ich die Arbeitsweise toll, Reportagefotografen alter Schule. Später habe ich dann Fotografien von Cartier-Bresson gesehen, jedoch ohne den Anspruch zu haben, so wie er fotografieren zu wollen. Eigentlich gucke ich mir aber selten Arbeiten von anderen Fotografen an.

Um Ihre Arbeitstage bei zahlreichen wiederkehrenden Terminen im Jahr spannend zu halten, gestalten Sie sich eigene "Thementage". Was ist denn das?
Früher noch mehr als heute: Aber um wieder mehr Gefühl für die Fotografie zu bekommen, um vielleicht auch wieder bewusster zu fotografieren, ziehe ich an einigen Tagen nur mit einer Festbrennweite los. Ich habe dann nicht etwa einen Haufen unterschiedlicher Objektive bei mir, sondern muss versuchen – egal welche Termine auf mich warten – den gesamten Tag mit nur einer Festbrennweite zu gestalten. Eine Herausforderung, denn eigentlich geht das nicht. Versuchen Sie mal mit einem 50mm-Objektiv ein Gruppenbild mit acht Personen zu machen. Dafür braucht man Kreativität.

Sie fotografieren täglich, privat aber rühren Sie Ihre Kamera nicht an...
Fotografieren ist mein Beruf, privat will ich nicht auch noch arbeiten müssen. Um meinen Beruf richtig machen zu können, brauche ich Abstand davon. Ich bin damals herumgelaufen und habe nur noch in Bildern gedacht. Das macht mich verrückt. Auch auf dem 80. Geburtstag meiner Oma wollte ich schließlich mitfeiern und nicht fotografieren. Und wenn ich in den Urlaub fahre, bleibt die Kamera ebenfalls zu Hause. Fotografie ist für mich anstrengende Arbeit, das ist mein Beruf und nicht mehr mein Hobby.

Sie haben gerade Ihr Portfolio mit eigenen Fotografien vorbereitet. Gibt es den Wunsch, Ihre Werke auszustellen?
Auf meinen Terminen sind viele Fotografien entstanden, die nie erschienen sind. Und irgendwann bin ich gefragt worden, ob ich meine Fotos nicht mal ausstellen wolle. Mittlerweile habe ich einen Fundus zusammen, den ich gerne zeige. Das macht Spaß und man kommt mit den Betrachtern ins Gespräch. Überdies zeige ich meine Fotos auch auf meiner Homepage und auf Instagram.

Gibt es ein Motiv, das Sie sich in Ihrer Karriere noch wünschen würden?
Nicht ganz ernst gemeint, aber ein Motiv wünsche ich mir schon: einen nackten Farbigen auf der Kö. Ein Platzhalter, ein Synonym für die unrealisierbaren Fotoideen im redaktionellen Umfeld. Die besten Ideen entstehen beim Texter im Kopf. Oft unrealisierbar. Würde ich diese Ideen tatsächlich umsetzen können, dann hätte ich eine große Karriere gemacht und wäre heute weltberühmt.

andreas-bretz.de, instagram.com/19andreasxx