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Die Familien-Helfer
"Ich liebe dich und traue dir nicht"

Anna und Nikos, ein griechisches Paar in den Vierzigern und Eltern zweier Jungs im Grundschulalter, melden sich in der Beratungsstelle mit dem Wunsch nach einer Paarberatung, denn "es ist schlimmer als die Krise in Griechenland" sagt Nikos scherzend, doch man hört seinen Schmerz und die Angst durchs Telefon mitschwingen. Von Aspasia Zontanou

Im ersten Kennenlerngespräch ist Anna still, wirkt unnahbar, verletzt. Nikos will, dass alles so wird wie früher, als sie noch in Athen lebten und glücklich waren. Dann kam alles so schnell. Die Schwiegereltern starben nacheinander, "zwei Beerdigungen in einem Jahr" seufzt Nikos und schaut seine Frau liebevoll an. "Sie verlor den Boden unter den Füßen." Die finanzielle Unsicherheit. Kurzum: Beide entschlossen sich, einen Neuanfang zu wagen - in Deutschland. Nun, das war vor einem Jahr, bekomme ich von Nikos zu hören und jetzt? Jetzt hätten sich beide nichts mehr zu sagen, sie sei still und kalt wie ein Fisch. Er hoffe, durch die Beratung herauszufinden, was mit ihr los sei. Ich frage Anna nach ihren Erwartungen, schließlich sei sie mitgekommen.

Anna wüsste es im Moment nicht. Sie fühlte sich von Nikos nicht verstanden. Dieses Gespräch liegt inzwischen ein paar Monate zurück und es brauchte eine ganze Weile, bis sich beide zutrauten, mehr über sich und ihre Verletzungen zu zeigen. In der Trauer um ihre Eltern sah sich Anna von ihrem Ehemann allein gelassen. Nicht nur, dass sie innerhalb kürzester Zeit Mutter und Vater verlor, sie flehte ihn regelrecht an, bei ihr zu sein. Er gab ihr die Zeit nicht. Nikos gab offen zu, dass er mit dem Tod oder auch schweren Krankheiten naher Angehöriger nicht umgehen könnte. Er sei davongelaufen. Ihm war es wichtiger, Pläne für die Zukunft zu schmieden. Er konnte es einfach nicht und sie fühlte sich allein, missverstanden und irgendwann auch betrogen. Das Gemeinsame, das Selbstverständliche ihrer Liebe, alles stellte sie in Frage. Ganz langsam und behutsam konnten sie sich annähern. In anmoderierten Gesprächen lernten sie, über sich zu sprechen, ohne den anderen zu verletzten. Nikos konnte sich erstmals in seine Frau hineinversetzen. Sie konnten sich aufeinander einlassen, dem anderen zuhören, Raum geben, unangenehme Gefühle aushalten, so dass allmählich das Vertrauen stärker wurde und ihre Liebe eine zweite Chance bekam.